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Enjott Schneider

Sonntag, 23. August 2009

Enjott Schneider (* 25. Mai 1950 in Weil am Rhein; eigentlich Norbert Jürgen Schneider) ist ein deutscher Komponist, Musikwissenschaftler und Hochschullehrer.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Enjott Schneider gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Filmkomponisten der Gegenwart. Er lebt und arbeitet in München, wo er seit 1979 – nach Studium und musikwissenschaftlicher Promotion in Freiburg – eine Professur an der Musikhochschule bekleidet. Zunächst handelte es sich um eine Professur für Musiktheorie, die aber später in die erste Filmmusikprofessur in Deutschland umgewandelt wurde. Die Studierenden von Enjott Schneider werden zu Filmkomponisten ausgebildet.

Leben und Wirken

In seiner Jugend erlernte Schneider zahlreiche Instrumente, so unter anderem Violine, Klavier, Akkordeon, Trompete und Orgel. Im Alter von 19 Jahren nahm er in Huningue (Frankreich) eine Organistenstelle an. Ebenso betätigte er sich als Keyboarder in der Popgruppe Kaktus. Ab 1975 war er als Kirchenmusiker in Hinterzarten (Schwarzwald) tätig. 1969 nahm er ein Studium der Musiktheorie, Schulmusik, Orgel und Trompete an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau auf. Gleichzeitig studierte an der dortigen Universität Musikwissenschaft, Germanistik und Linguistik und promovierte 1977 bei Hans Heinrich Eggebrecht zum Dr. phil.

1988 richtete er das Tonstudio Augenklang ein, das 1997 durch das Greenhouse Studio abgelöst wurde. Um 1993 lehrte er am Staatlichen Filminstitut in Pune (Indien) und wurde 1996 an der Hochschule für Musik in München Professor für Komposition für Film und Fernsehen.

Schneiders kompositorisches Schaffen umfasst ein breites Spektrum: Werke für Orchester, Orgel, Kammermusik sowie Vokal- und Bühnenwerke. Seine zahlreichen Veröffentlichungen befassen sich mit Musiktheorie, Musikpädagogik, Neuer Musik und Musik in audiovisuellen Medien. Außerdem ist Enjott Schneider Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA.

Ausgewählte Werke

  • Musik für Kinofilme
  • Musik für Fernsehfilme und -serien
  • Bühnenwerke
    • Das Salome-Prinzip (1983)
    • Albert warum?, Kammeroper für sieben Sänger, Zuspielelektronik und neun Instrumentalisten (1998)
    • Diana – Cry for Love, Memorial für Soli, Chor, Ballett und Orchester (2001/02)
    • Bahnwärter Thiel, Oper in acht Bildern nach der gleichnamigen novellistischen Studie von Gerhart Hauptmann (2003)
    • nullvier – keiner kommt an Gott vorbei, Musical zum 100. Jubiläum des Fußballvereins FC Schalke 04
    • Fürst Pückler – Ich bin ein Kind der Fantasie, Oper in zwei Akten (2005)
  • Orchesterwerke
    • Evolution, Konzert für Klavier und Orchester (1991)
    • Teatrissimo, Ratatouille für Orchester (1997)
    • Glocken-Sinfonie, „Lied an das Leben“ (1. Sinfonie) nach Texten aus dem Konzentrationslager Buchenwald (1998/99)
    • Sisyphos (Sinfonie Nr. 2) (2000)
    • Vivaldissimo, Konzert für zwei Trompeten, Streichorchester und Cembalo (2000)
    • Echo, Konzert für Orgel und Streichorchester (2002)
    • Veränderungen, Konzert für Sheng und Orchester (2002/03)
    • The Tinguely Machine for 12 brass players and symphonic orchestra (2004)
    • At the Edge of Time, Reflections on Mozarts Requiem KV 626 (2006)
    • Hiob, Konzert für Orgel und Orchester (2007)
  • Sonstige Werke
    • Toccata „Schlafes Bruder“ für Orgel (Musik zur Verfilmung des Romans Schlafes Bruder von Robert Schneider, 1994)
    • Ali und der Zauberkrug, Ein musikalisches Märchen für Kinder, Text nach einem afrikanischen Märchen eingerichtet von Peter Andersen (2002)
    • Begleitmusiken zu einigen Silhouettenfilmen wie Dr. Doolittle und seine Tiere, Cinderella – Aschenputtel, Thumbelina – Däumelinchen, Puss-in-Boots – Der gestiefelte Kater
    • Eine Vertonung des Sonnengesangs des Franz von Assisi für gemischten Chor (Welturaufführung am 30. März 2008 in Inkamana (Südafrika), deutsche Erstaufführung am 25. Juli 2008 im Regensburger Dom, beide Male gesungen von den Regensburger Domspatzen)

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • „Kirchenmusik – Eine Kunstform stirbt aus?“, in: GEMA-Nachrichten, November 2005 (Ausgabe 172), S. 16–21, wiederveröffentlicht in: Forum Kirchenmusik, Mai-Juni 2006
  • „Komponieren für Film und Fernsehen“ Schott-Verlag 1997, 3. Aufl. 2005 ISBN 3-7957-8708-4
  • „Die Kunst des Teilens. Zeit – Rhythmus – Zahl“ 1991
  • Handbuch Filmmusik II Musik im dokumentarischen Film, München (Ölschläger-Verlag, später Universitätsverlag Konstanz) 1989

Auszeichnungen

Weblinks zu

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Finnland

Sonntag, 23. August 2009
Suomen tasavalta (finnisch)

Republiken Finland (schwedisch)
Republik Finnland

FlaggeWappen
AmtsspracheFinnisch, Schwedisch
HauptstadtHelsinki
StaatsformParlamentarische Republik
StaatsoberhauptPräsidentin Tarja Halonen
RegierungschefMinisterpräsident Matti Vanhanen
Fläche338.145 km²
Einwohnerzahl5.311.211 (6. Juni 2008)
Bevölkerungsdichte15,7 Einwohner pro km²
BIP nominal (2007)[1]245.013 Mio. US$ (34.)
BIP/Einwohner46.602 US$ (9.)
HDI0,952 (11.)
WährungEuro (€) 1 Euro = 100 Cent
Unabhängigkeit6. Dezember 1917
NationalhymneMaamme/Vårt land
ZeitzoneUTC+2
UTC+3 (März–Oktober)
Kfz-KennzeichenFIN (bis 1993: SF)
Internet-TLD.fi
Telefonvorwahl+358

Finnland (finnisch Suomi  [ˈsuɔmi?/Info/IPA; schwedisch Finland [ˈfɪnland]), amtlich Republik Finnland (Suomen tasavalta, Republiken Finland), ist ein Staat in Nordeuropa und Mitglied der Europäischen Union. Er grenzt an Schweden, Norwegen, Russland und die Ostsee. Bei 5,3 Millionen Einwohnern auf einer Fläche nur wenig kleiner als Deutschland gehört Finnland zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas. Ein großer Teil der Bevölkerung konzentriert sich dabei auf den Süden des Landes mit der Hauptstadt Helsinki. Die beiden offiziellen Landessprachen sind Finnisch und Schwedisch. 92 % der Bevölkerung sind finnisch-, 6 % schwedischsprachig. Die schwedischsprachige Inselgruppe Åland hat einen weitreichenden Autonomiestatus.

Das Gebiet Finnlands, das seit Jahrtausenden dünn besiedelt war, trat mit der Eingliederung in das Schwedische Reich ab dem 12. Jahrhundert in die historische Zeit ein. Es blieb für viele Jahrhunderte integraler Teil Schwedens, bis es 1809 an Russland abgetreten wurde, unter dessen Herrschaft sich Finnland als Nation entwickelte. 1917 erlangte das Land die staatliche Unabhängigkeit. Heute ist Finnland eine parlamentarische Republik.

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Finnland ist mit einer Fläche von 338.144,53 km² etwas kleiner als Deutschland. Zwischen dem 60. und 70. Breitengrad liegend, zählt es zu den nördlichsten Ländern der Erde. Ein Drittel Finnlands liegt nördlich des Polarkreises. Die Nord-Süd-Ausdehnung des finnischen Festlandes beträgt 1160 km (von Nuorgam bis Hanko), die längste Ost-West-Distanz 540 km (von Ilomantsi nach Närpes). Bei der Gliederung des Landesgebiets wird bereits etwa ab der Höhe des Oulujärvi von „Nordfinnland“ gesprochen. So kann Oulu, genau in der Mitte des Landes gelegen, als nordfinnische Stadt bezeichnet werden, auch heißt die Landschaft um Jyväskylä trotz ihrer südlichen Lage „Mittelfinnland“.

Die längste Staatsgrenze ist mit 1.269 km die zur Russischen Föderation im Osten. Im Norden grenzt Finnland über 716 km an Norwegen, die 536 km lange Grenze zu Schweden im Nordwesten bilden die Flüsse Könkämäeno, Muonionjoki und Tornionjoki.

Im Westen und Süden grenzt Finnland an Nebenmeere der Ostsee, im Westen an den Bottnischen Meerbusen, im Süden an den Finnischen Meerbusen. Fast alle finnischen Flüsse und Seen gehören zum Einzugsbereich der Ostsee, nur der jenseits des Maanselkä gelegene äußerste Nordosten des Landes entwässert zum Nordpolarmeer. Durch die geringe Verdunstung und den steten Süßwasserzufluss sind die Meeresgewässer Finnlands wesentlich weniger salzig als die Weltmeere: mit einer Salinität von weniger als 0,3 % ist etwa die Bottenwiek, der nördliche Teil des Bottnischen Meerbusens, so brackig, dass sich auch Süßwasserfische in ihm finden.

Das hervorstechendste Merkmal der Landschaft Finnlands ist ihr Seenreichtum, der dem Land auch den Beinamen „Land der tausend Seen“ eingebracht hat. Nach offizieller Zählung gilt ein Binnengewässer mit einer Fläche von mindestens 5 Ar als See, so dass das finnische Umweltministerium die Zahl der finnischen Seen auf 187.888 beziffert; rund 56.000 Seen haben eine Größe von mindestens einem Hektar.[2] Die Gesamtküstenlänge der finnischen Seen beträgt mindestens 186.700 km, die Anzahl der Binneninseln beläuft sich auf 98.050.[3]

Naturräumliche Gliederung

Finnland lässt sich in fünf landschaftliche Großräume einteilen: die Küstenebenen Südfinnlands, die Küstenebenen Österbottens, die Finnische Seenplatte im Landesinneren, das Finnische Hügelland im Osten und Lappland im Norden.

Im Schärenmeer vor Turku
Seenlandschaft bei Nilsiä, Ostfinnland

Die südfinnische Küstenebene erstreckt sich von Satakunta über Uusimaa bis zur russischen Grenze. Sie ist vergleichsweise arm an Seen und landwirtschaftlich geprägt. An der Westküste schließt sich der Großraum Österbottens an. Das flache Gebiet wird von zahlreichen Flüssen durchschnitten und wird ebenfalls intensiv landwirtschaftlich genutzt. Die Küste Finnlands ist eine reich gegliederte Schärenküste mit einer Gesamtlänge von fast 40.000 km und über 73.000 Inseln mit einer Größe von mindestens 5 Ar.[4] Gemessen an ihrer Anzahl stellen die Inseln des Schärenmeers vor Turku den größten Archipel der Welt dar. Die Inseln der autonomen Inselgruppe Åland liegen zwischen 15 und 100 km vom finnischen Festland entfernt.

Die Moränenrücken Salpausselkä im Süden und Suomenselkä im Westen sind die beiden Hauptwasserscheiden des Landes und trennen die Küstengebiete von der Finnischen Seenplatte (Järvi-Suomi) im Landesinneren. Das moor- und waldreiche Gebiet ist mit seinen ca. 42.200 Seen[5] die größte Seenplatte Europas. Binnengewässer bedecken hier rund 18 % der Gesamtfläche.[6] Hier haben auch die wichtigsten Ströme der südlichen Landeshälfte, der Kokemäenjoki, der Kymijoki und der Vuoksi, ihren Ursprung. Der größte See des Landes ist mit einer Fläche von rund 4.400 km² der stark zergliederte Saimaa-See im Südosten.

Das Finnische Hügelland (Vaara-Suomi) erstreckt sich im Osten des Landes von Nordkarelien über Kainuu bis in die südlichen Teile Lapplands. Charakteristisch sind die zahlreichen Anhöhen, von denen sich aber nur einzelne wie der Koli (347 m) in Nordkarelien als Berge von der Umgebung abheben. Im Norden geht das Hügelland in den Großraum Lapplands über.

In Lappland dominieren weitläufige Wald- und Moorlandschaften, aus denen sich baumlose Fjells (tunturi) wie der Pallastunturi (807 m), der Yllästunturi (718 m) oder der Pyhätunturi (540 m) erheben. Die Gegend um den Inarijärvi in Nordostlappland weist eine hohe Seendichte auf. Der längste Fluss Finnlands ist mit rund 560 km der Kemijoki, der einen großen Teil Finnisch-Lapplands entwässert. Seine Quellflüsse entspringen wie die der anderen großen Flüsse Nordfinnlands (Tornionjoki, Iijoki und Oulujoki) in den Höhenlagen an der finnischen Nord- und Ostgrenze. Im Norden Lapplands steigt das Gelände zum Skandinavischen Gebirge hin an. An seinem Hauptkamm hat Finnland jedoch nur im äußersten Nordwesten in der Gemeinde Enontekiö Anteil. Hier liegen auch alle Eintausender des Landes; die höchste Erhebung Finnlands ist mit 1324 m der Haltitunturi unmittelbar an der Grenze zu Norwegen.

Geologie

Der Felssockel Finnlands besteht ganz überwiegend aus den präkambrischen Gesteinen des Baltischen Schildes (Gneise, Granite und Schiefer). Gebirgsbildungen liegen in Finnland rund eine Milliarde Jahre zurück, sodass sich das Relief heute recht flach darstellt. Nur vereinzelt haben besonders harte Quarzite der Erosion so weit standhalten können, dass sie sich als Berge von der Umgebung abheben.

Von Gletschern abgeschliffene Granitfelsen auf Söderskär vor der Südküste Finnlands

Die heutige Landschaft ist entscheidend durch die Eisbedeckung im Eiszeitalter geprägt worden. Gletscher bedeckten bis vor rund 10.000 Jahren das gesamte heutige Finnland, trugen Gesteine ab und schufen bei ihrem Rückzug weitläufige Moränenlandschaften, die wiederum durch Schmelzwasser umgeformt wurden. Typische glazial geprägte Landschaftsformen sind Rundhöcker als Abtragungsform, Drumlins und Oser als Aufschüttungsformen. In Moränenrücken wie dem Suomenselkä im Westen und dem Salpausselkä im Süden erreichen die glazialen Sedimente eine Mächtigkeit von teils über 100 m. Das Schmelzwasser bildete mit dem Ende der Eiszeit den Ancylussee, den Vorläufer der heutigen Ostsee, und bedeckte weite Teile des Landes. Dieses Gewässer brach vor 7.000 Jahren zur Nordsee durch. Durch den Rückgang des Wasserspiegels und die gleichzeitige isostatische Landhebung erhoben sich in den folgenden Jahrtausenden immer weitere Landmassen aus den Fluten. Im Binnenland sammelte sich Schmelzwasser in Gletschermulden und älteren Verwerfungen, wodurch die finnischen Seen entstanden. Die anhaltende Landhebung ist noch heute ein landschaftsformender Prozess. So steigt die Meeresküste Österbottens um bis zu 8 mm pro Jahr aus der Ostsee hervor. Dort kommt es aus diesem Grund auch fast jedes Frühjahr zu Überschwemmungen, weil die Flüsse zur Küste hin kaum noch Gefälle haben und sich Schmelzwasser im Binnenland staut. Auch mussten im Laufe der letzten Jahrhunderte Städte wie Pori und Vaasa teils mehrfach um einige Kilometer nach Westen verlegt werden, da ihre Häfen verlandeten.

Das am weitesten verbreitete Sediment an der Oberfläche ist der Till, auch dies ein Erbe der Eiszeit. Da es in Finnland nur an wenigen Stellen Kalkstein bzw. Marmor gibt, sind die glazialen Ablagerungen oft kalkfrei. Die daraus entstandenen Böden neigen daher zur Versauerung. In den tieferliegenden Regionen, die in der Ancylusseephase und den späteren Ostseevorläufern unter Wasser lagen, sind die glazialen Sedimente oft von Seeablagerungen überdeckt worden. Diese sind hingegen meistens karbonathaltig. Dank dieser fruchtbaren Lehmböden, aber auch wegen des vergleichsweise milden Klimas konzentriert sich der Getreideanbau auf die Küstenregionen West- und Südfinnlands. Im Binnenland sind die Böden durch Versauerung und Vertorfung wenig geeignet für den Ackerbau und machen einen verstärkten Einsatz von Düngekalk erforderlich, der in mehreren Kalksteinbrüchen wie in Pargas, Lohja und Lappeenranta gefördert wird.

Während die finnischen Eisenerzvorkommen fast erschöpft sind, finden sich noch bedeutende Vorkommen an Kupfer, Nickel, Zink und Chrom. In den 1860er Jahren folgte auf den Fund von Gold im Flusssand des Kemijoki ein regelrechter Goldrausch in Lappland. Bis heute wird an den Flüssen Lapplands teils durch Handwäsche, teils industriell Gold gewaschen, eine große Untertagemine befindet sich in Pahtavaara bei Sodankylä. Weitere, größtenteils noch unerschlossene Goldvorkommen sind über das gesamte Land verteilt, zuletzt wurde 1996 bei Kittilä eine auf 50 Tonnen Gold geschätzte Lagerstätte entdeckt. Außerdem ist Finnland der größte europäische Exporteur von Talk.[7] Dieses vor allem in der Papierindustrie benötigte Mineral wird derzeit in Sotkamo und Polvijärvi in großem Umfang abgebaut. Weitere in Finnland gewonnene Industrieminerale sind Wollastonit, Dolomit, Apatit, Quarz und Feldspat.

Klima

Satellitenbild vom 19. Februar 2003. Gut zu erkennen das Packeis der Ostsee.

Das finnische Klima ist kaltgemäßigt. Finnland liegt an der Grenze zwischen maritimer und kontinentaler Klimazone. Die Tiefdruckgebiete der Westwindzone können feuchte und wechselnde Wetterlagen mit sich bringen. Andererseits schirmt das Skandinavische Gebirge Finnland vom Atlantik ab, sodass stabile kontinentale Hochdruckzonen für kalte Winter und vergleichsweise heiße Sommer sorgen. Die Ostsee, die Binnenseen und insbesondere der Golfstrom machen durch ihren mäßigenden Einfluss das Klima in Finnland deutlich milder als in anderen Orten auf denselben Breitengraden. Kuopio liegt etwa auf derselben Breite wie das sibirische Jakutsk, hat aber eine um fast 13 °C höhere Jahresdurchschnittstemperatur.

Die Niederschlagssumme beträgt in Südfinnland 600–700 mm. Im Norden ist sie deutlich niedriger, was aber durch die geringe Verdunstung aufgrund der kühlen Temperaturen kompensiert wird. Der wenigste Niederschlag fällt im ganzen Land im März, der meiste im Juli oder August.

Zwischen Ost- und Westfinnland existieren keine Isothermen, hingegen wird das Klima bei einer Nord-Süd-Ausdehnung des Landes von über 1000 Kilometern nach Norden hin deutlich kälter. Während die durchschnittliche Jahrestemperatur im Süden 5 °C beträgt, so sind es im Norden Finnisch-Lapplands nur noch −2 °C.[8] Auch die Dauer der thermischen Jahreszeiten ist stark von der Lage abhängig: Dauert der Winter im südwestfinnischen Schärengebiet nur 100 Tage, herrscht er in Lappland bis zu 200 Tage lang.[9] Im kältesten Monat, dem Januar oder Februar, liegt die Durchschnittstemperatur zwischen −4 und −14 °C. Die kälteste jemals in Finnland gemessene Temperatur betrug −51,5 °C in Pokka bei Kittilä am 28. Januar 1999.[10] Eine bleibende Schneedecke fällt meist zwischen Ende Oktober und Anfang Januar. Sie entwickelt eine Dicke von 20–30 cm im Süden bzw. 60–90 cm im Osten und Norden und schmilzt zwischen Ende März und Ende Mai.[11] Die Seen frieren zwischen November und Dezember zu und tauen oft erst zwischen Mai und Juni wieder auf. In kalten Wintern können der Bottnische und der Finnische Meerbusen fast vollständig zufrieren und müssen mit Eisbrechern freigehalten werden.

Der Sommer dauert in Südfinnland von Ende Mai bis Mitte September, in Lappland beginnt er einen Monat später und endet einen Monat früher. Die Temperaturunterschiede zwischen Nord- und Südfinnland sind im Sommer bei Durchschnittstemperaturen zwischen 12 und 17 °C im Juli weniger stark ausgeprägt. In Süd- und Mittelfinnland gibt es zwischen 10 und 15 Sommertage, an denen die Temperatur über 25 °C steigt, im Norden und an den Küsten sind es 5–10.[9] Die höchste jemals in Finnland gemessene Temperatur betrug 35,9 °C am 9. Juli 1914 in Turku.[10]

In den Gebieten nördlich des Polarkreises scheint im Sommer die Mitternachtssonne, im Winter herrscht die Polarnacht (kaamos). Zur Zeit der Sommersonnenwende wird es selbst im Süden des Landes nicht vollkommen dunkel (sogenannte „weiße Nächte“), in Utsjoki an der Nordspitze Finnlands geht die Sonne 73 Tage lang gar nicht unter. Entsprechend steigt dort im Winter die Sonne für 51 Tage kein einziges Mal über den Horizont, auch in Südfinnland geht sie am kürzesten Tag nur für sechs Stunden auf. Vor allem im Norden erscheinen im Winter Polarlichter.

Natur

Kiefernwald bei Punkaharju
Hochmoor in Patvinsuo
Fjelllandschaft in Inari, Lappland

In Finnland kommen insgesamt rund 42.000 Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen vor, darunter 65 Säugetierarten.[12] Alles in allem ist die Artenvielfalt geringer als in südlicheren Gebieten, die Wildnis Finnlands bietet aber zahlreichen Tieren Lebensraum, die im Rest Europas selten anzutreffen sind.

Das Jedermannsrecht gestattet in Finnland allen Menschen, sich unter bestimmten Einschränkungen frei in der Natur zu bewegen. Auch das Sammeln von Beeren und Pilzen und das Angeln ist gestattet. Jagd und Fischerei sind in Finnland weit verbreitete Beschäftigungen. Sechs Prozent der finnischen Bevölkerung besitzen eine Jagdlizenz.[13]

Flora und Vegetation

Finnland ist das waldreichste Land Europas: 86 % der Landfläche sind bewaldet.[14] Dabei treten von Norden nach Süden drei Vegetationszonen auf. Der größte Teil Finnlands gehört zur borealen Nadelwaldzone (Taiga). Kennzeichnend sind die kurze Vegetationsperiode, nährstoffarme Böden, auf denen die Bäume nur langsam wachsen, das Vorherrschen von Nadelholzgewächsen und eine geringe Anzahl an Baumarten. Es dominieren Kiefern (50 %) und Fichten (30 %), die häufigste Laubbaumart ist die Birke (16,5 %).[15] Der Boden ist mit Blaubeersträuchern und Moosen bedeckt, nach Norden hin auch mit Flechten.

Nur an der Südwestküste und auf den vorgelagerten Schären herrschen Mischwälder vor. Hier wachsen auch Baumarten, die in Finnland sonst nicht vorkommen, wie die Eiche. Der äußerste Norden Lapplands ist weitgehend baumlos, in niedrigen Lagen wachsen nur noch gedrungene Birken, in höheren Lagen herrscht eine tundraartige Vegetation vor.

Ein Drittel der Landesfläche Finnlands bestand ursprünglich aus Moorland, etwa die Hälfte dieser Fläche wurde in den vergangenen Jahrhunderten zur Kulturlandgewinnung trockengelegt.[16] Im Süden dominieren torfreiche Hochmoore, nördlich davon Aapamoore. Der größte Teil des Moorlandes ist mit Bruchwäldern bedeckt.

Fauna

Rentiere in Nordwestlappland

Elche sind trotz intensiver Bejagung in ganz Finnland sehr zahlreich. Obwohl alljährlich über ein Drittel der Elche erlegt wird, bleibt der Bestand nach Ablauf der Jagdsaison stabil bei über 100.000 Tieren.[17] Für den Straßenverkehr stellt die große Elchpopulation eine Gefahr dar, weil es immer wieder zu schweren Unfällen mit den Tieren kommt. Im Norden des Landes trifft man allenthalben Rentiere an. Die rund 200.000 Rentiere sind halbdomestiziert und laufen das Jahr über frei herum, im Spätherbst treiben ihre Besitzer die Tiere zusammen und suchen die Schlachttiere heraus. Weitaus seltener ist das wilde Waldren. Einst in weiten Teilen Finnlands verbreitet, wurde es Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet, ehe seit den 1950er Jahren wieder eine kleine Population aus Russland nach Kainuu und Nordkarelien einwanderte. In Süd- und Westfinnland sind aus Amerika eingebrachte Weißwedelhirsche in größerer Zahl heimisch geworden.

Die Raubtierpopulationen wachsen durch den Erfolg von Schutzmaßnahmen schon seit Jahren; die Anzahl der finnischen Braunbären und Luchse liegt heute bei je über 1000 Individuen, die der Wölfe bei etwa 200. Inzwischen dürfen diese Tiere sogar wieder in begrenztem Maße bejagt werden. Im finnischen Teil Lapplands lebt eine Restpopulation von etwa 150 Vielfraßen. Der Polarfuchs war einst im ganzen Land recht häufig, wurde aber durch Pelzjäger zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Der Rotfuchs ist hingegen bis heute sehr häufig anzutreffen, seit einigen Jahrzehnten auch der Marderhund, der sich von Russland aus verbreitet hat.

Die Saimaa-Ringelrobbe kommt weltweit nur im Saimaa-Seengebiet vor. Diese seltene Süßwasser-Unterart der Ringelrobbe konnte durch gezielte Schutzmaßnahmen vor dem Aussterben gerettet werden und ist daher auch das Symboltier des Naturschutzes in Finnland. Besonderen Schutz genießt auch das Gleithörnchen, das in der Europäischen Union nur in Finnland und Estland vorkommt.

Zur Vogelwelt Finnlands gehören über 430 Arten,[12] darunter Steinadler und Seeadler, daneben Hühnervögel wie Auerhuhn, Birkhuhn, Haselhuhn und Moorschneehuhn sowie zahlreiche Wasservogelarten. Als finnischer Nationalvogel gilt wegen seiner Rolle in der finnischen Mythologie der Singschwan. Auch diese Art konnte durch ein rigides Jagdverbot gerettet werden: Zählte man in den 1950er Jahren nur mehr 15 Brutpaare, so sind es heute wieder rund 1500.

Geschichte

Hauptartikel: Geschichte Finnlands

Frühgeschichte

Die früheste sicher nachgewiesene Besiedlung auf dem Gebiet des heutigen Finnland stammt aus der Zeit nach Ende der letzten Eiszeit rund 8500 v. Chr. Ursprung und Sprache der frühesten Bewohner Finnlands sind unklar. Durch in den folgenden Jahrtausenden erfolgte Zuwanderung wurden neue Kulturen eingeführt und spätestens um 5000 v. Chr. sprachen die Bewohner Finnlands hauptsächlich frühe finno-ugrische Sprachen. Um 3200 v. Chr. sickerten Zuwanderer aus dem baltischen Raum ein, die eine frühe indogermanische Sprache sprachen, sich allmählich mit der Stammbevölkerung vermischten und deren Sprache annahmen. Der sprachliche Einfluss der Zuwanderer war mitverantwortlich für die Herausbildung des Unterschiedes zwischen der urfinnischen Sprache im Küstengebiet und der samischen Sprache im Binnenland.

Die Wurzeln der finnischsprachigen Bevölkerung waren Gegenstand wiederholter Kontroversen und können bis heute nicht als geklärt gelten. Nach traditioneller Auffassung wird das Gebiet östlich des Urals oder die Gegend der Wolgaschleife für die Urheimat der Finnen gehalten. In der neueren Forschung überwiegt die Ansicht, dass die Vorfahren der Finnen vor Jahrtausenden in mehreren Wellen aus verschiedenen Richtungen einwanderten, eine Jagd- und Ackerbaukultur einführten und die jagenden und sammelnden Samen nach Norden verdrängten oder mit diesen verschmolzen.

Die steinzeitliche Bevölkerung Finnlands bestand aus Jägern und Sammlern. Mit dem Beginn der Bronzezeit um 1700 v. Chr. begann, ausgehend von den Küstenregionen, die Ausübung von Ackerbau und Viehzucht. Von 100 v. Chr. an nahm der Handel mit Mitteleuropa zu. Während der Zeit der Völkerwanderung kamen die finnischen Küstenregionen durch den Ostseehandel zu Wohlstand, der sich in der Zeit der Wikinger ab dem 8. Jahrhundert weiter verstärkte. Um die Jahrtausendwende verdichteten sich über den Osthandel die Beziehungen Ostfinnlands zu Nowgorod. Mit den Handelsverbindungen kam die Bevölkerung Finnlands auch in Kontakt mit dem christlichen Glauben, im Westen mit dem römisch-katholischen, im Osten mit dem orthodoxen.

Finnland als Teil Schwedens

Karte Finnlands aus dem Jahr 1662. Unter Finnland verstand man das Gebiet des Bistums Turku. Die Gebiete des heutigen Nordfinnlands gehörten zum Bistum Uppsala und wurden nicht zu Finnland gezählt.

Die Anbindung Westfinnlands an Schweden war ein allmählicher Vorgang. Die erstarkten Mächte Schweden und Nowgorod traten aus politischen, wirtschaftlichen und religiösen Gründen in Wettbewerb um das von den Finnen bewohnte Gebiet. Beide Staaten unternahmen ab dem 12. Jahrhundert mehrere mehr oder weniger militärische Kreuzzüge in die Region. Die Grenze zwischen beiden Mächten und damit die Ostgrenze Finnlands wurde erstmals 1323 im Vertrag von Nöteborg festgelegt.

Die Tätigkeit der Kirche, die Siedlungsbewegungen schwedischer Einwanderer sowie die Reichsgesetzgebung und -verwaltung trugen dazu bei, dass die neuen Gebiete als Österland einer der vier festen Landesteile Schwedens wurden. Ab 1362 hatte Österland das Recht zur Teilnahme an der schwedischen Königswahl. Die Christianisierung Finnlands war mit der Gründung des Domkapitels Turku 1276 formell abgeschlossen, die alte Mythologie konnte sich aber noch für Jahrhunderte neben dem Christentum behaupten.

Während des Mittelalters entstand in Finnland eine ständische Gesellschaft europäischen Stils, ein Städtewesen und eine katholische Kirchenorganisation. Vom Ende des 14. bis zu deren Zerfall Anfang des 16. Jahrhunderts war Finnland als Teil Schwedens Bestandteil der Kalmarer Union. In der Herrschaftszeit Gustavs I. Wasa von 1523 bis 1560 entwickelte sich Schweden zu einem starken Zentralstaat, der die Grundlage für die Großmachtstellung des Reiches im 17. Jahrhundert bildete. Ebenfalls unter Gustav Wasa wurde im Zuge der Reformation der katholische Glauben durch das evangelisch-lutherische Christentum ersetzt.

Während der Großmachtperiode gelang es Schweden, sein Gebiet in Kriegen mit Dänemark, Polen und Russland im Umkreis der Ostsee zu erweitern. Finnland, das während dieser Zeit von Kriegshandlungen verschont blieb, wurde enger in die Reichsverwaltung integriert. Unter der Leitung des Generalgouverneurs Per Brahe des Jüngeren wurden mehrere Städte neu gegründet, in Turku die Akademie und ein Hofgericht geschaffen sowie ein Postwesen aufgebaut.

Die Inselfestung Suomenlinna vor der Küste Helsinkis wurde 1747 gegründet, um die Verteidigung Finnlands nach dem Krieg der Hüte zu sichern.

Während des 18. Jahrhunderts schwand die Machtstellung Schwedens, besonders im Großen Nordischen Krieg, in dessen Zuge Finnland 1714 bis 1721 russisch besetzt wurde. Nach Abschluss des Friedens von Nystad endete die Besetzung Finnlands, aber auch die Großmachtstellung Schwedens. In einem weiteren russisch-schwedischen Krieg, dem so genannten Krieg der Hüte (1741–1743), wurde Finnland erneut besetzt, und im anschließenden Frieden wurde die russische Westgrenze bis an den Fluss Kymijoki vorgeschoben.

Finnland als Großfürstentum im Russischen Reich

Auf dem Landtag zu Porvoo leisteten die Stände Finnlands dem Zaren 1809 den Treueeid. Der Zar seinerseits versicherte die Aufrechterhaltung des bestehenden Rechts- und Gesellschaftssystems.

Im Zuge der napoleonischen Koalitionskriege verbündete sich Russland unter Zar Alexander I. mit Frankreich gegen England und das mit diesem verbündete Schweden. 1808 griff Russland Schweden an und begann damit den Finnischen Krieg, als dessen Resultat Schweden im Vertrag von Fredrikshamn 1809 weite Gebiete an Russland abtreten musste. Zu diesen Gebieten gehörten neben dem damals die heutige Südhälfte Finnlands umfassenden Kernfinnland auch die Ålandinseln sowie Teile Lapplands und Västerbottens. Aus diesen und den bereits 1721 und 1743 eroberten Gebieten wurde das Großfürstentum Finnland gebildet, das Teil des Russischen Reiches war, aber eine weitgehende politische Autonomie genoss. Insbesondere wurden die hergebrachten schwedischen Gesetze ebenso wie in weiten Teilen die herrschende Verfassung aufrecht erhalten.

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war von einer gewissen politischen Starre geprägt. Der Reichstag als ständische Volksvertretung wurde von den Zaren zwischen 1809 und 1863 nicht einberufen, die Politik konzentrierte sich auf die Verwaltung bei unveränderter Gesetzeslage. Während dieser Zeit erwachte aber auch ein finnisches Nationalbewusstsein und es wurden zahlreiche Anstrengungen zur Stärkung der finnischen Identität unternommen, ohne dass sich diese zunächst gegen die Zarenherrschaft gerichtet hätten.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts kam die finnische Politik in Bewegung, insbesondere durch die größere Freizügigkeit unter Zar Alexander II. Die Beseitigung hergebrachter Wirtschaftsbeschränkungen belebte die Wirtschaft. Ab den Sechzigerjahren kam die Industrialisierung in Fahrt, angetrieben vor allem durch die Holzwirtschaft und die in großer Zahl gegründeten Sägewerke. Die hierdurch notwendige gesetzgeberische Tätigkeit wurde durch die ab 1863 regelmäßig erfolgte Einberufung des Reichstages ermöglicht.

Dem erstarkten finnischen Nationalbewusstsein traten ab dem Ende des 19. Jahrhunderts russische Bestrebungen einer Zentralisierung des Reiches und einer Russifizierung der zu diesem gehörenden Gebiete entgegen. Das sogenannte Februarmanifest des Zaren Nikolaus II. schränkte die autonomen Rechte Finnlands spürbar ein. Dies hatte einen zähen politischen Konflikt zur Folge, zu dessen Zuspitzungen die Ermordung des Generalgouverneurs Nikolai Bobrikow 1904 und, im Zusammenhang mit der Russischen Revolution, ein umfassender Generalstreik im Herbst 1905 gehörten. Infolge des Generalstreiks sagte Nikolaus die Wiederherstellung der Autonomie sowie die Schaffung einer nichtständischen Volksvertretung zu.

Zu dem 1906 neugeschaffenen Parlament hatten alle Finnen – zum damaligen Zeitpunkt europaweit einmalig auch Frauen – gleiches Wahlrecht. Die während des Generalstreiks zutage getretenen politischen und sozialen Spannungen konnten jedoch nicht beseitigt werden. Die Russifizierungsbemühungen wurden 1909 wieder aufgenommen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, an dem finnische Soldaten von einigen Freiwilligen abgesehen nicht teilnahmen, kam das politische Leben aber zunächst zum Erliegen.

Unabhängigkeit und Kriege

Als Folge der beiden Kriege gegen die Sowjetunion 1939 bis 1944 musste Finnland die hier rot gekennzeichneten Gebiete an den Nachbarn abtreten.

Nachdem die Zarenherrschaft in Russland infolge der Februarrevolution zerbrochen war, erklärte das finnische Parlament sein Land am 6. Dezember 1917 für unabhängig. Die Unabhängigkeit wurde im Januar 1918 zunächst durch das bolschewistische Russland und in der Folge durch zahlreiche andere Staaten anerkannt. Den Ablösungsprozess von Russland begleiteten allerdings schwere innere Konflikte, die am 27. Januar 1918 in einem sozialistischen Umsturzversuch gipfelten. In einem dreimonatigen Bürgerkrieg behielten letztlich die bürgerlichen „Weißen“ die Oberhand.

Im Jahr 1919 gab sich Finnland eine republikanische Verfassung. Mit Sowjetrussland wurde 1920 ein Friedens- und Grenzvertrag unterzeichnet, aufgrund dessen die Grenzen Finnlands mit dem früheren Großherzogtum übereinstimmten, Finnland aber zusätzlich das Gebiet Petsamo mit dessen Zugang zum Nordmeer zugestanden wurde. Im Verhältnis zu Schweden entstand Streit um die strategisch bedeutsamen Ålandinseln. Eine Entscheidung des Völkerbundes sprach die Inseln schließlich 1921 Finnland mit der Maßgabe zu, dass sie eine weitgehende Autonomie erhielten.

Der 1939 geschlossene Hitler-Stalin-Pakt wies Finnland der sowjetischen Interessensphäre zu. Der Angriff der Sowjetunion auf Finnland am 30. November 1939 bildete den Auftakt für den Winterkrieg. Trotz zahlreicher erfolgreicher Abwehrschlachten stand die Verteidigung vor dem Zusammenbruch, als der Krieg am 13. März 1940 durch den Friedensvertrag von Moskau beendet wurde. Finnland musste große Teile Kareliens, darunter mit Wyborg die damals zweitgrößte Stadt des Landes, und andere Gebiete an die Sowjetunion abtreten.

Als Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion angriff, trat Finnland in Kooperation mit Deutschland in den Krieg ein, der in Finnland als Fortsetzungskrieg bezeichnet wird. Die finnische Armee eroberte nicht nur die verlorenen Gebiete zurück, sondern drang auch tief in das zur Sowjetunion gehörige Gebiet Ostkareliens ein mit dem Ziel, die von vielen Finnen als Volksgenossen angesehenen nah verwandten Volksgruppen in einem Großfinnland zusammenzuführen. 1944 musste Finnland sich jedoch aus den besetzten Gebieten zurückziehen und sah sich erneut der drohenden sowjetischen Besetzung gegenüber. Am 19. September 1944 schloss es mit der Sowjetunion einen Separatfrieden, der den Fortsetzungskrieg beendete. Die Gebietsverluste des Winterkrieges wurden bestätigt, zudem musste Petsamo abgetreten werden.

Der Separatfrieden verpflichtete Finnland, die deutschen Truppen aus dem Land zu vertreiben, und so schloss sich der finnisch-deutsche Lapplandkrieg an, in dessen Verlauf die sich zurückziehenden deutschen Truppen große Teile Lapplands völlig zerstörten. Der Krieg endete am 27. April 1945 mit dem Abzug der letzten deutschen Soldaten aus Kilpisjärvi. Der Kriegszustand mit den Alliierten wurde durch den Pariser Friedensvertrag von 1947 endgültig beendet.

Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit und insbesondere im Kalten Krieg nahm Finnland eine Sonderstellung im Spannungsfeld zwischen den Blöcken ein. Das Land hatte sich im Krieg seine Unabhängigkeit und die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung bewahrt, die Sowjetunion behielt aber einen großen Einfluss auf die finnische Politik. Finnland verfolgte einerseits eine strikte Neutralitätspolitik, andererseits eine insbesondere durch Präsident Juho Kusti Paasikivi vorangetriebene Politik der Versöhnung mit der Sowjetunion. 1948 wurde mit der Sowjetunion ein Freundschafts- und Kooperationsabkommen geschlossen, das durch mehrfache Verlängerung bis zum Ende der Sowjetunion in Kraft blieb. Konflikte mit dem östlichen Nachbarn wurden durch intensive, oftmals inoffizielle Kontakte der finnischen Politik mit Moskau vermieden. Diese Politik, die verschiedentlich den Eindruck des vorauseilenden Gehorsams erweckte, wurde hauptsächlich von westdeutschen Politikern mit dem geringschätzigen Prädikat der Finnlandisierung belegt.

Der prägende Politiker im Nachkriegsfinnland war Urho Kekkonen, der von 1956 bis 1982 Präsident der Republik Finnland war. Er verband die seinerzeit weitreichenden verfassungsmäßigen Befugnisse des Präsidenten mit einem autokratischen Führungsstil und betrachtete die Pflege der Beziehungen zur Sowjetunion weitgehend als seine Privatangelegenheit. 1973 ließ er seine Amtszeit durch ein parlamentarisches Ausnahmegesetz verlängern, obwohl an seiner Wiederwahl in den regulären Wahlen kaum Zweifel bestanden hätte. Insgesamt wird der Amtszeit Kekkonens daher ein Demokratiedefizit bescheinigt, der Präsident konnte sich aber während der gesamten Periode der Unterstützung der Wählermehrheit sicher sein. Zu den bedeutendsten Erfolgen Kekkonens gehört die 1975 in Helsinki abgehaltene KSZE-Konferenz, die neben ihren Auswirkungen auf den Verständigungsprozess in Europa auch die Stellung Finnlands als neutraler Staat festigte.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte Finnland, dessen Wirtschaft sich zu einem großen Teil auf den Osthandel stützte, Anfang der Neunzigerjahre in eine schwere Wirtschaftskrise. Gleichzeitig erlangte das Land aber größeren außenpolitischen Spielraum. 1992 nahm Finnland Verhandlungen über seinen Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft auf, die 1995 in eine Vollmitgliedschaft in der heutigen Europäischen Union mündeten. 2002 ersetzte der Euro die Finnische Mark als Landeswährung.

Bevölkerung

Bevölkerung Finnlands, 1750–2000[18]
JahrEinwohnerJahrEinwohner
1750421.00018802.060.800
1760491.00018902.380.100
1770561.00019002.655.900
1780663.00019102.943.400
1790705.60019203.147.600
1800832.70019303.462.700
1810863.30019403.695.617
18201.177.00019504.029.803
18301.372.10019604.446.222
18401.445.60019704.598.336
18501.636.90019804.787.778
18601.746.70019904.998.478
18701.768.80020005.181.000

Finnland hat eine Bevölkerung von etwa 5,3 Millionen Menschen und ist mit einer Bevölkerungsdichte von rund 15,5 Einwohnern je Quadratkilometer dünn besiedelt. Dabei ist die Bevölkerung sehr ungleich verteilt. Während die nördliche Provinz Lappland mit 1,9 Einwohnern je Quadratkilometer fast menschenleer ist, konzentrieren sich etwa 40 % der Bevölkerung auf die Provinz Südfinnland mit 62,6 Einwohnern je Quadratkilometer. Allein rund 1,233 Millionen Menschen leben im Großraum Helsinki. Weitere Ballungsräume sind die Städte Tampere, Turku und Oulu mit ihren Einzugsgebieten.

Demographische Entwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung ist bis heute von einer andauernden Landflucht geprägt, vor allem junge Menschen ziehen zur Ausbildung und Arbeit in die Städte, wodurch die ländlichen Gemeinden besonders in Ost- und Mittelfinnland unter Bevölkerungsschwund und Überalterung zu leiden haben. Während zum Beispiel 2005 landesweit rund 36 % der Bevölkerung unter 30 Jahren alt war, waren es im ostfinnischen Suomussalmi nur 28 %.[19]

Die Altersstruktur der Bevölkerung Finnlands (Stand 2005) zeigt eine Spitze in den geburtenstarken Jahrgängen 1946–1949.

Insgesamt zeigt die Bevölkerungsstruktur eine Tendenz zur Alterung. Die Geburtenrate liegt zwar mit rechnerisch 1,74 Kindern pro Frau über dem europäischen Durchschnitt,[20] genügt aber nicht, um insbesondere die Alterung der besonders geburtenstarken Jahrgänge 1946 bis 1949 auszugleichen. Derzeit zeigt die Bevölkerungsentwicklung noch eine leicht ansteigende Tendenz. Es wird erwartet, dass diese insbesondere durch Zuzug von Ausländern noch bis etwa 2030 anhält und es dann zu einer Bevölkerungsabnahme kommt.[21]

Der Ausländeranteil ist mit rund 2 %[22] im Vergleich zu den Nachbarländern Norwegen und Schweden gering, hat sich aber seit dem Ende des Kalten Krieges vervielfacht. Der Grund für diese niedrige Ziffer ist zum einen die bis heute recht restriktive Einwanderungspolitik des finnischen Staates, zum anderen war Finnland zur Zeit der großen Arbeitsmigration in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit insbesondere im Vergleich zu Schweden wirtschaftlich schwach und selbst eher Auswandererland denn Einwanderungsziel. Nach 1945 wanderte über eine halbe Million Finnen aus,[23] zumeist nach Schweden. Ihre Spitze erreichte diese Entwicklung um 1970, als in Schweden Hochkonjunktur herrschte, in Finnland die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängten und jährlich rund 40.000 Finnen nach Schweden umsiedelten.[24] In der Folge hat der Auswandererstrom stark nachgelassen. Heute verlassen jährlich rund 10.000–15.000 Menschen das Land, ein Verlust, der durch die Zuwanderung von knapp 20.000 Menschen überkompensiert wird.[25]

Bevölkerungsgruppen und Sprachen

Die Wohngebiete der schwedischsprachigen Finnen konzentrieren sich auf die Küstenregionen und Åland.

Finnland ist offiziell zweisprachig. Landesweit geben 91,7 % der Bevölkerung Finnisch und 5,5 % Schwedisch als Muttersprache an. Die schwedischsprachige Bevölkerung konzentriert sich vor allem auf die Küstenregionen im Süden und in Österbotten sowie auf die Provinz Åland. Das Finnlandschwedische unterscheidet sich vor allem in Aussprache und Wortschatz von dem in Schweden gesprochenen Reichsschwedischen.

Die Sprachpolitik Finnlands wurde seit dem 19. Jahrhundert durch teilweise erbitterte Auseinandersetzungen um das Verhältnis zwischen der finnischen und der schwedischen Sprache bestimmt. Heute sind beide Sprachen durch die finnische Verfassung als Amtssprachen festgeschrieben.[26] Jede Gemeinde ist entweder finnischsprachig, schwedischsprachig oder zweisprachig. Eine Gemeinde gilt als zweisprachig, wenn die sprachliche Minderheit einen Bevölkerungsanteil von mindestens 8 % hat oder alternativ von mindestens 3000 Einwohnern repräsentiert wird. Nach der derzeitigen, bis zum Jahr 2012 gültigen Einteilung sind in Finnland 19 Gemeinden schwedischsprachig (davon 16 in der Provinz Åland) und 34 Gemeinden zweisprachig. Die übrigen 295 Gemeinden sind ausschließlich finnischsprachig.[27]

Besonderen Schutz als ethnische Minderheit genießen die Samen, die ihr Siedlungsgebiet in den nördlichen Regionen Lapplands haben. Die samischen Sprachen, zu denen die eigenständigen Sprachen Nord-Sami, Inari-Sami und Skolt-Sami zählen, werden heute noch von etwa 1750 finnischen Samen als Muttersprache gesprochenen und haben einen offiziellen Status in den Gemeinden Enontekiö, Inari und Utsjoki sowie im Nordteil der Gemeinde Sodankylä.[28] In diesen Gemeinden leben rund 4000 der 7000 von der samischen Verwaltung als ethnische Samen eingestuften Finnen.[29] Zur Überwachung der Stellung der samischen Sprachen und zur Verwirklichung einer sprachlichen und kulturellen Selbstverwaltung wurde 1996 eine eigene parlamentarische Vertretung der Samen (sámediggi) gegründet.

Seit etwa 500 Jahren sind kleinere Gruppen von Roma in Finnland ansässig. Deren Sprache, Romani, hat einen Status als offizielle Minderheitensprache.[30] Darüber hinaus leben heute etwa 800 Tataren im Land, deren Vorfahren zwischen 1870 und 1920 nach Finnland kamen. Durch Zuwanderung aus dem Ausland sind heute auch zahlreiche andere Ethnien in Finnland vertreten, ohne allerdings einen besonderen Status zu genießen. Die größte sprachliche Minderheit sind die etwa 40.000 Sprecher der russischen Sprache.[31] Zu ihnen gehören auch zahlreiche finnischstämmige Zuwanderer aus Karelien und dem Ingermanland, denen seit den Neunzigerjahren das Recht auf „Rückkehr“ nach Finnland zugestanden wurde.

Religion

Die große Mehrheit der Finnen gehört der evangelisch-lutherischen Kirche an, deren geistiges Zentrum der Dom zu Turku ist.

Seit 1923 ist die Religionsfreiheit in der finnischen Verfassung garantiert. Die Evangelisch-Lutherische Kirche und die Orthodoxe Kirche sind per Gesetz als Volkskirchen festgeschrieben und genießen besondere Vorrechte. Ihre Mitglieder zahlen eine Kirchensteuer in Höhe von 1 bis 2,25 % ihres Einkommens, zudem erhalten die Volkskirchen staatliche Zuwendungen für soziale und karitative Zwecke und Instandsetzungsaufgaben. Obwohl die finnische Gesellschaft weitgehend säkularisiert ist, sind rund 85 % der Bevölkerung konfessionell gebunden.[32]

Die überwiegende Mehrzahl der Finnen gehört der Evangelisch Lutherischen Kirche Finnlands an. Sie hatte im Jahr 2006 4.384.442 Mitglieder, was über 82 % der Gesamtbevölkerung entspricht.[33] Die Zahl ist allerdings seit Jahren rückläufig, ebenso die Anzahl der Gottesdienstbesucher. Nur 2 % der Kirchenmitglieder besuchen wöchentlich eine Kirche, rund 10 % einmal monatlich.[34] Die meisten Gläubigen besuchen Gottesdienste nur an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern oder zu familiären Anlässen wie Taufen, Hochzeiten und Bestattungen. Dennoch genießt die Kirche hohes Ansehen in der Bevölkerung und stellt insbesondere in ländlichen Gebieten ein wichtiges soziales Netzwerk dar. In manchen ländlichen Gegenden dominieren Erweckungsbewegungen das Gemeindeleben. In Nordfinnland ist der Laestadianismus weit verbreitet, insgesamt hat er in Finnland rund 120.000 Anhänger.[35] Vor allem in Teilen Savos und Österbottens sind pietistische Gruppen stark vertreten.

Die 1869 geweihte Uspenski-Kathedrale in Helsinki ist das größte orthodoxe Sakralgebäude in Finnland.

Der seit 1923 autonomen Orthodoxen Kirche Finnlands gehören rund 60.000 Menschen in 24 Gemeinden an, also rund 1,1 % der Bevölkerung.[36] Das orthodoxe Christentum verbreitete sich seit dem Mittelalter von Nowgorod aus vor allem nach Karelien. Während der russischen Herrschaft bildeten sich mit dem Zuzug russischer Beamten und Militärs auch orthodoxe Gemeinden in den Großstädten des Landes, deren Nachkommen, die „alten Russen“, heute rund 3000 Köpfe zählen.[37] Als Finnland nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg große Teile Kareliens an die Sowjetunion abtreten musste, wurden auch zehntausende Orthodoxe aus Karelien umgesiedelt und über ganz Finnland verstreut. Seit 1990 hat sich die Anzahl der orthodoxen Christen durch die Einwanderung von „neuen Russen“ aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion deutlich erhöht.

Nicht zur evangelischen Volkskirche gehören die verschiedenen Pfingstkirchen, denen mindestens 50.000 Menschen angehören. Zudem gibt es in Finnland 18.000 Zeugen Jehovas und über 3.200 Mormonen. Die Katholische Kirche in Finnland hat rund 9000 Anhänger, zumeist Ausländer oder Einwanderer, vor allem aus Polen.[38] Das katholische Bistum Helsinki besteht seit 1995 und umfasst ganz Finnland.

In Finnland existieren zwei jüdische Gemeinden mit insgesamt rund 1500 Mitgliedern, von denen 1200 in Helsinki und 200 in Turku leben.[39] Die rund 800 Finnland-Tataren sind muslimischen Glaubens. Seit 1990 hat sich die Zahl der in Finnland lebenden Muslime durch die Aufnahme von Tausenden somalischer Flüchtlinge, aber auch durch Einwanderung aus dem Nahen Osten und Südosteuropa vervielfacht. Insgesamt leben in Finnland heute rund 20.000 Muslime.[40]

Politik

Verfassung und Rechtssystem

Das von J. S. Sirén geplante Parlamentsgebäude in Helsinki wurde 1931 fertiggestellt.

Die heutige Verfassung Finnlands ist seit dem 1. März 2000 in Kraft. Die neue Verfassung bedeutete eine erhebliche Verschiebung der Machtbefugnisse vom zuvor dominierenden Staatspräsidenten zu Parlament und Regierung. Heute ist das Land eine parlamentarische Republik.

Gesetzgebendes Organ ist das Parlament (finn. eduskunta, schwed. riksdag), ein Einkammerparlament mit 200 Abgeordneten, die für vier Jahre nach dem Verhältniswahlrecht gewählt werden. Wahlberechtigt ist jeder finnische Staatsbürger ab 18 Jahren. Jeder Wähler hat eine Stimme, die er einem bestimmten Kandidaten gibt, so dass die Wähler nicht nur auf die Kräfteverhältnisse der Parteien, sondern auch auf die Reihenfolge der Kandidaten auf den Parteienlisten Einfluss haben.

Die Regierung des Landes, der Staatsrat (valtioneuvosto), ist seit der Verfassungsreform direkt dem Parlament verantwortlich. Der Ministerpräsident wird direkt vom Parlament gewählt, die übrigen Mitglieder vom Präsidenten auf Vorschlag des Ministerpräsidenten ernannt. Traditionell werden in Finnland große Koalitionen auch über das zur Schaffung einer absoluten Mehrheit notwendige Maß hinaus gebildet. Derzeit wird der Staatsrat unter dem Ministerpräsidenten Matti Vanhanen durch eine Koalition aus der Zentrumspartei, der Sammlungspartei, den Grünen und der Schwedischen Volkspartei gebildet.

Die Befugnisse des Präsidenten der Republik wurden durch die Verfassungsreform 1999 deutlich eingeschränkt, ihm verbleiben jedoch noch bedeutende Aufgaben. Der Präsident leitet in Zusammenarbeit mit der Regierung die Außenpolitik. Außerdem hat er den Oberbefehl über die Streitkräfte und kann hohe Staatsbeamte und Richter ernennen. Der Präsident wird in direkter Wahl für eine Amtszeit von sechs Jahren gewählt. Seit 2000 ist die Sozialdemokratin Tarja Halonen als erste Frau die Präsidentin von Finnland. In der Stichwahl der Präsidentschaftswahlen am 29. Januar 2006 zwischen ihr und Sauli Niinistö setzte sie sich mit 51,8 % durch.

Es gibt in Finnland kein gesondertes Verfassungsgericht. Die Gesetzmäßigkeit der Verwaltungstätigkeit wird von den regulären Gerichten überprüft. Die Verfassungsmäßigkeit der vom Parlament beschlossenen Gesetze ist allerdings richterlicher Kontrolle entzogen. Das Parlament übt eine Selbstkontrolle der Verfassungsmäßigkeit seiner Gesetzgebung mittels eines Grundgesetzausschusses (perustuslakivaliokunta) aus.

Das finnische Rechtssystem ist stark vom Recht Schwedens geprägt, das bei der Ablösung Finnlands aus dem Verbund mit Schweden 1809 in Kraft blieb. Bis in die jüngere Vergangenheit zeichnete sich die Gesetzgebung durch ein hohes Maß an Kontinuität aus. Seit dem Beitritt Finnlands zur Europäischen Union 1995 hat das Unionsrecht vielfältige Neuerungen und Reformen in der finnischen Gesetzgebung erforderlich gemacht. Das ordentliche Gerichtssystem ist in drei Zügen aufgebaut. Als Einstiegsinstanz dienen die 56 Amtsgerichte (käräjäoikeus), Berufungen können zu den sechs Hofgerichten (hovioikeus) erhoben werden. Oberste Instanz für Revisionen, die allerdings nur unter engen Voraussetzungen zugelassen werden, ist das Oberste Gericht (korkein oikeus). Neben der ordentlichen Gerichtsbarkeit besteht eine gesonderte, zweizügige Verwaltungsgerichtsbarkeit.

Parteien

Die finnische Parteienlandschaft wird von drei großen, ungefähr gleich starken Parteien angeführt. Es ist üblich, dass zwei dieser Parteien, ergänzt durch eine oder mehrere der kleineren Parteien, Koalitionsregierungen mit breiter parlamentarischer Mehrheit bilden.

  Parlamentswahlen in Finnland am 18. März 2007[41]
  Partei  %Stimmen  Sitze  
  Zentrum
  23,1%
639.993  51  
  Nationale Sammlungspartei 
  22,3%
616.519  50  
  Sozialdemokraten
  21,4%
593.609  45  
  Linksbündnis
  8,8%
244.009  17  
  Grüner Bund
  8,5%
233.930  15  
  Christdemokraten
  4,9%
134.643  7  
  Schwedische Volkspartei
  4,5%
125.387  10*  
  Wahre Finnen
  4,0%
112.097  5  
  Andere
  2,5%
67.581  –  
*) Inkl. Vertreter Ålands  

Derzeit stärkste Kraft im Parlament ist die Zentrumspartei (Suomen Keskusta). Sie wurde 1906 unter dem Namen Landbund (Maalaisliitto) als Interessenvertretung der republikanisch denkenden selbständigen Bauern gegründet. Die Partei wurde 1965 umbenannt, hat aber bis heute den Schwerpunkt ihrer Unterstützung in der Landbevölkerung außerhalb der Städte. Die Zentrumspartei war in der Nachkriegszeit die prägende Partei Finnlands, insbesondere durch den langjährigen Präsidenten Urho Kekkonen.

Die Nationale Sammlungspartei (Kansallinen Kokoomus), die zweite große bürgerliche Partei, hat ihren Schwerpunkt im Gegensatz zur Zentrumspartei in den Ballungszentren. Die 1918 von Monarchisten gegründete Partei steht heute für eine Betonung der bürgerlichen Freiheiten und eine liberale Wirtschaftspolitik. Während die Partei in der Nachkriegszeit keine zentrale Rolle spielte, war sie seit 1987 mit vierjähriger Unterbrechung an allen Regierungen beteiligt.

Die Sozialdemokratische Partei Finnlands (Suomen Sosialidemokraattinen Puolue) wurde 1899 als Arbeiterpartei Finnlands gegründet und nahm 1903 ein marxistisches Parteiprogramm an. Die Geschehnisse des Bürgerkriegs 1918 führten zur Abspaltung der Kommunisten von der Partei, die in der Folge als demokratische Kraft die Zusammenarbeit mit der politischen Mitte suchte. Nach den Kriegen haben die Sozialdemokraten zahlreiche Ministerpräsidenten gestellt, zuletzt Paavo Lipponen von 1995 bis 2003.

Die kleineren Parteien werden angeführt vom Linksbündnis (Vasemmistoliitto), das 1990 aus einem Zusammenschluss verschiedener linksgerichteter oder kommunistischer Gruppierungen hervorgegangen ist. Ähnlich stark wie das Linksbündnis ist der 1988 gegründete Grüne Bund, der wie die anderen europäischen grünen Parteien aus der Umweltbewegung hervorgegangen ist. Beide Parteien waren 1995 bis 2003 in der Regenbogenkoalition Paavo Lipponens vertreten. Weitere derzeit im Parlament vertretene Parteien sind die Christdemokraten (Suomen Kristillisdemokraatit), eine betont religiös ausgerichtete Kleinpartei, sowie die rechtspopulistischen Wahren Finnen (Perussuomalaiset).

Eine Sonderstellung nimmt die Schwedische Volkspartei (Svenska folkpartiet) ein, die sich als Interessenvertretung der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland auffasst. Seit 1930 ist die Partei, die heute die Unterstützung von rund 5 % der Wähler genießt, mit vereinzelten kurzzeitigen Ausnahmen an allen Regierungskoalitionen beteiligt gewesen. Die autonome Provinz Åland hat eine eigenständige Parteienlandschaft und wählt einen Parlamentsabgeordneten, der sich unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit der „Schwedische Fraktion“ genannten Parlamentsfraktion der Schwedischen Volkspartei anschließt.

Insgesamt enthielt das finnische Parteienregister vor der letzten Wahl 19 Parteien.[42] Für die Registrierung einer neuen politischen Partei muss diese Unterstützungserklärungen von 5000 Wahlberechtigten beibringen. Wenn eine Gruppierung in zwei aufeinanderfolgenden Parlamentswahlen keine Sitze errungen hat, wird sie aus dem Parteienregister gelöscht und muss eine erneute Registrierung betreiben, wenn sie wieder zu Wahlen antreten möchte.

Verwaltungsgliederung

Verwaltungsgliederung Finnlands: Provinzen (schwarz), Landschaften (dunkelgrau) und Gemeinden (hellgrau)

Die kommunale Selbstverwaltung wird in Finnland in den 348 Gemeinden (kunta) ausgeübt. Während die Gemeinden in den dichter besiedelten Gegenden Finnlands der Größe nach mit mitteleuropäischen Gemeinden vergleichbar sind, haben die Gemeinden besonders in der Nordhälfte des Landes meist eine erhebliche geographische Ausdehnung. Die kleinste Gemeinde, Kauniainen, hat eine Fläche von nur rund 6 km², die größte Gemeinde, Inari, ist mit 17.321 km² größer als das deutsche Bundesland Thüringen.

Die Entscheidungsgewalt in der Gemeinde wird durch einen alle vier Jahre direkt gewählten Gemeinderat (valtuusto) ausgeübt. Dieser wählt als Verwaltungsorgan die Gemeinderegierung (kunnanhallitus). Den Vorsitz in der Gemeinderegierung führt entweder ein hauptamtlicher Gemeindedirektor (kunnanjohtaja) oder ein ehrenamtlicher Bürgermeister (pormestari). Ob eine Gemeinde als „Stadt“ bezeichnet wird, ist rechtlich und organisatorisch bedeutungslos. Die Bezeichnung darf jede Gemeinde führen, die nach eigener Meinung eine städtische Struktur aufweist.[43]

Die Gemeinden Finnlands sind in insgesamt 74 Verwaltungsgemeinschaften (seutukunta) zusammengeschlossen, in welchen die jeweiligen Gemeindeverwaltungen in unterschiedlichem Maße zum Zwecke der Wirtschaftsförderung und der Bereitstellung von öffentlichen Dienstleistungen zusammenarbeiten.

Als Untergliederungen der staatlichen Verwaltung bestehen in Finnland sechs Provinzen (lääni): Åland, Lappland, Ostfinnland, Oulu, Südfinnland und Westfinnland. Die Provinzverwaltungen unterstehen in ihren jeweiligen Aufgaben den Ministerien des Staatsrates. Zu ihren Aufgaben gehört neben der staatlichen Verwaltung die Rechtsaufsicht über die Gemeinden. Der Provinzverwaltung steht der sogenannte Landeshauptmann (maaherra) vor, der auf Vorschlag des Staatsrates vom Staatspräsidenten ernannt wird.[44]

Die Provinzen sind in 20 Landschaften (maakunta) unterteilt, die sich an die aus schwedischer Zeit hergebrachten historischen Landschaften anlehnen und daher im Gegensatz zu den Provinzen über eine traditionelle regionale Identität verfügen. Im Falle von Åland und Lappland sind Provinz und Landschaft deckungsgleich. Die Landschaften haben als Verwaltungseinheiten keine eigenständige Bedeutung. Die Gemeinden einer Landschaft kooperieren aber jeweils in einem Landschaftsverbund (maakuntaliitto). Ausnahmen hiervon sind Åland, wo der gewählte Landschaftsrat die Selbstverwaltung der Inselgruppe ausübt, und die Landschaft Kainuu. In Kainuu wird seit 2005 eine alternative Verwaltungsform getestet, in welcher die Landschaft mit einer eigenen gewählten Volksvertretung in erster Linie zahlreiche Aufgaben der Gemeinden übernimmt. In dieser Form gehört die Landschaft daher im Gegensatz zu den Provinzen zum Kreis der kommunalen Selbstverwaltung.[45]

Außen- und Verteidigungspolitik

Die finnische Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist nachhaltig von der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges geprägt. In der kollektiven Erinnerung ist die Ansicht tief verwurzelt, dass auf Verbündete kein Verlass sei und die Landesverteidigung im Kriegsfall aus eigener Kraft gewährleistet sein sollte.[46] Die Verteidigungspolitik Finnlands ist auf eine „totale Verteidigung“ (kokonaismaanpuolustus)[47] der staatlichen Souveränität, territorialen Integrität und demokratischen Verfassung des Landes ausgerichtet.

Im Kalten Krieg war Finnland bemüht, gute Beziehungen zur Sowjetunion zu unterhalten, den mächtigen Nachbarn und vormaligen Kriegsgegner aber gleichzeitig auf Abstand zu halten. So schlossen die beiden Staaten 1948 einen „Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ ab, doch wusste Finnland die darin vorgesehenen Gipfeltreffen immer wieder zu vertagen. Das Bemühen, im Zuge der fortschreitenden Blockbildung die Neutralität zu wahren, bestimmte die finnische Außenpolitik ab den 1950er Jahren und wird nach den Staatspräsidenten dieser Zeit als Paasikivi-Kekkonen-Linie bezeichnet. Zwar war Finnland durch die stete Rücksichtnahme auf die Interessen Moskaus in seiner außenpolitischen Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt, konnte die Wehrfähigkeit des Staates jedoch wahren.

Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges hält Finnland an der Allianzfreiheit fest, doch ist die Doktrin der strikten Neutralität einer aktiven Westpolitik gewichen.[48] So kooperiert Finnland seit 1994 im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden und seit 1997 als Mitglied des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats mit der NATO. Finnische Soldaten sind derzeit für die von der NATO geführten Sicherungstruppen im Kosovo (KFOR) und Afghanistan (ISAF) im Einsatz. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union 1995 und dem Bekenntnis zur gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik trat das Land zwar keinem eigentlichen Militärbündnis bei, stellte aber dennoch seine Sicherheitspolitik und damit auch seine Streitkräfte in den Dienst supranationaler Interessen. Am 1. Januar 2006 nahmen erstmals finnische Soldaten an einem Kampfverband der EU teil und standen für Einsätze im Sinne der Petersberg-Aufgaben bereit.

Die Möglichkeit eines NATO-Beitritts ist eines der umstrittensten Themen in der finnischen Öffentlichkeit. Die gegenwärtige Präsidentin Tarja Halonen sieht in dieser Frage keinen Handlungsbedarf, eine Mehrheit der Finnen steht einer NATO-Mitgliedschaft derzeit ablehnend gegenüber. Gegner der Mitgliedschaft berufen sich vor allem auf die bewährte Neutralitätspolitik und bevorzugen die Zusammenarbeit innerhalb der EU, während Befürworter die Verteidigungsinteressen Finnlands insbesondere mit Blick auf das instabile Russland betonen.

Im Jahr 2006 machte das Budget der finnischen Streitkräfte rund 5,7%[49] des Gesamthaushalts aus und betrug absolut 2,274 Milliarden Euro. Der Anteil der Militärausgaben am Bruttosozialprodukt liegt bei 1,6%[50], was deutlich unter dem gesamteuropäischen Schnitt liegt. In Finnland gilt die allgemeine Wehrpflicht. Der Wehrdienst dauert je nach Ausbildungsstand zwischen 6 und 12 Monaten. Zwar besteht die Möglichkeit zur Wehrdienstverweigerung und Ableistung eines zivilen dreizehnmonatigen Ersatzdienstes, doch leisten mehr als 80 % eines Geburtsjahrgangs Militärdienst.[51] Ausdrücklich vom Wehrdienst ausgenommen sind nur Zeugen Jehovas und die Bewohner der autonomen Provinz Åland. Seit 1995 besteht für Frauen die Möglichkeit zum freiwilligen Wehrdienst.

Die finnischen Streitkräfte haben in Friedenszeiten eine Stärke von 35.000 Mann, davon 26.000 im Heer, 5.000 in der Marine und 4.000 in der Luftwaffe.[52] Bis zu 35.000 Finnen werden jährlich zu Reserveübungen einberufen. Im Kriegsfall können bis zu 520.000 Mann in kurzer Zeit unter Waffen gestellt werden,[53] zudem kann der Finnische Grenzschutz mit einer Kriegsstärke von 30.000 Mann dem Heereskommando unterstellt werden. Bis zum Jahr 2008 soll die Kriegsreserve jedoch auf eine Stärke von 430.000 reduziert werden.

Gesellschaftspolitik

Finnland versteht sich seit der Nachkriegszeit als ausgeprägter Wohlfahrtsstaat. Arbeitslose erhalten eine Unterstützung in Form von Tagegeldern, die nicht vom früheren Einkommen abhängig sind. Die Altersrente für Berufstätige ist als öffentliche Pflichtversicherung geregelt. Die Arbeitgeber sind dazu verpflichtet, zwei Drittel der Versicherungsbeiträge zu tragen. Wer keinen Anspruch auf Arbeitsrente hat, erhält im Alter oder bei Berufsunfähigkeit eine sogenannte Volksrente. Diese beträgt 2007 für einen alleinstehenden Einwohner Helsinkis monatlich 524,85 Euro.[54]

Auch das finnische Gesundheitswesen ist auf einer staatlichen Grundsicherung aufgebaut. Die ärztliche Versorgung wird aus Steuergeldern finanziert und staatlich organisiert. Zu diesem Zweck unterhalten die Gemeinden Gesundheitszentren, in denen Ärzte aller Fachrichtungen arbeiten. Jeder Bürger muss in der Regel das für seinen Wohnort zuständige Gesundheitszentrum aufsuchen; eine freie Arztwahl gibt es im Rahmen der öffentlichen Versorgung nicht. Die Begrenztheit der Ressourcen hat teilweise monatelange Wartelisten für nicht lebensnotwendige Operationen zur Folge.[55] Neben diesem öffentlichen System bestehen heute zahlreiche private Ärztestationen und Krankenhäuser, von deren erheblich höheren Kosten die öffentliche Krankenversicherung nur einen Bruchteil ersetzt.

Auch den Arbeitgebern obliegt ein Teil der Verantwortung für die Gesundheitsversorgung. Im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Gesundheitsversorgung am Arbeitsplatz muss der Arbeitgeber Vorsorgeuntersuchungen finanzieren; eine weitergehende Versorgung der Mitarbeiter ist steuerlich begünstigt. Auch in anderen Bereichen spielen gesellschaftspolitische Zielsetzungen in den Arbeitsplatz hinein. Die finnische Vorstellung von flachen Hierarchien und der Verteilung von Verantwortung findet ihren Ausdruck in der Verpflichtung der Arbeitgeber, alle Maßnahmen mit Einfluss auf Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen im Voraus eingehend mit den betroffenen Mitarbeitern zu verhandeln. Auch müssen in Betrieben Pläne zur Förderung der Gleichberechtigung von Mann und Frau aufgestellt werden.

Die Gleichstellung der Geschlechter wird in Finnland auch durch eine umfangreiche Familienpolitik gefördert. Die ersten sechs Monate nach Geburt eines Kindes kann ein Elternteil oder beide abwechselnd unbezahlten Elternurlaub nehmen und in dieser Zeit finanzielle Unterstützung aus der Krankenversicherung erhalten. Danach haben alle Kinder bis zur Einschulung das Recht auf einen Platz in einer kommunalen Kindertagesstätte oder auf finanzielle Unterstützung für die Betreuung zu Hause.[56] Die Ergebnisse dieser Politik sind in der Beschäftigungsrate der Frauen sichtbar. Diese lag 2005 bei 66,5 % der Frauen im arbeitsfähigen Alter im Vergleich zu 57,5 % im EU-Schnitt.[57] In der derzeitigen zweiten Regierung von Ministerpräsident Vanhanen sind elf der 20 Mitglieder Frauen.

Im Jahr 2006 wurden in Finnland 28.236 Ehen geschlossen und 13.255 geschieden. Bei Eingehung der ersten Ehe sind finnische Frauen durchschnittlich 29,7, Männer 32,1 Jahre alt. Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Paare ist den heterosexuellen Partnerschaften angenähert. Diese können seit 2002 eine eingetragene Partnerschaft eingehen, die im Wesentlichen die gleichen Rechtswirkungen wie die Ehe hat. 2006 wurden 84 Männer- und 107 Frauenpaare eingetragen.[58]

Zu den gesellschaftspolitischen Dauerthemen in Finnland gehört die Alkoholpolitik. Im Jahr 2005 war Alkohol die häufigste Todesursache unter Finnen im arbeitsfähigen Alter.[59] Der Verkauf von alkoholischen Getränken unterliegt in Finnland zahlreichen gesetzlichen Beschränkungen. Getränke mit einem Alkoholgehalt über 4,7 % dürfen nur in den staatlichen Monopolgeschäften der Alko-Kette verkauft werden. Die Alkoholsteuern sind im europäischen Vergleich hoch. Sie standen zuletzt wegen des Abbaus der Einfuhrbeschränkungen innerhalb der EU unter Senkungsdruck, eine erneute Anhebung ist aber geplant.[60]

Finnland zählt von der Kriminalstatistik zu den sichersten Ländern Europas. Es gibt rund 7.700 Polizisten. Die finnische Polizei (Poliisi) ist dreistufig organisiert. Neben der Polizeiabteilung im Innenministerium gibt es die Polizeidirektion in Helsinki und die Provinzpolizeikommandos. Die unterste Stufe bildet die lokale Polizei in den Amtsbezirken. Im ganzen Land gibt es 280 Polizeidienststellen, dazu kommen über 50 mit anderen Behörden gemischte Dienststellen. Die autonomen Åland-Inseln haben eine unabhängige Polizeiorganisation.

Umweltschutz und Energiepolitik

Das Kernkraftwerk Olkiluoto mit dem geplanten neuen Reaktor (Fotomontage)

Etwa ein Zehntel der Landesfläche Finnlands steht unter Naturschutz unterschiedlichen Grades.[61] Im Norden des Landes, wo die Bevölkerungsdichte niedrig und ein großer Teil des Landes in staatlichem Besitz ist, ist der Anteil noch weitaus höher. Insgesamt gibt es 35 Nationalparks mit einer Gesamtfläche von 8.150 km² (2,5 % der Gesamtfläche Finnlands), darunter in Lappland der Lemmenjoki- und der Urho-Kekkonen-Nationalpark, die jeweils über 2500 Quadratkilometer groß sind. Die Verantwortung für den Umweltschutz obliegt dem finnischen Umweltministerium. Dessen Hauptziele sind der Erhalt der Biodiversität, der Schutz des Landschaftsbildes, eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen, aber auch die Freizeitnutzung der Naturflächen.[62]

Der Treibhausgasausstoß pro Kopf des Landes gehört mit knapp 16 Tonnen CO2-Äquivalent zu den weltweit höchsten. Zwischen 1990 und 2004 stiegen die Treibhausgasemissionen um 14,5 % von 71,1 auf 81,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Im Kyoto-Protokoll hatte sich Finnland verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen bis zum Zeitraum 2008–12 gegenüber 1990 nicht steigen zu lassen.[63]

Finnland kann nur knapp die Hälfte seines Bedarfs an Primärenergie aus eigenen Quellen abdecken. Dies und die Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls werden als Hauptgründe dafür genannt, dass Finnland in seinem Energiemix auch auf Kernenergie setzt. Derzeit werden 36 % der finnischen Energie aus Erdöl und -gas, 22 % aus erneuerbaren Energien, 16 % aus Steinkohle, 16 % aus Kernkraft und 7 % aus Torf gewonnen. Finnland verfügt über zwei Kernkraftwerke in Olkiluoto und in Loviisa mit je zwei Reaktorblöcken. Ein fünfter Reaktor ist in Olkiluoto seit 2005 im Bau. Die Errichtung eines sechsten Reaktors wird derzeit diskutiert und gilt als wahrscheinlich.[64]

Bildung

Die Universität Helsinki (im Bild deren Hauptgebäude) ist die älteste und größte Hochschule Finnlands.

Hauptartikel: Bildungssystem in Finnland

In Finnland besteht gesetzliche Schulpflicht für alle Sieben- bis Sechzehnjährigen. Die meisten Kinder beginnen mit sieben Jahren die neun Schuljahre umfassende Grundschule (peruskoulu). Nach dieser obligatorischen Grundausbildung kann die Schulbildung entweder auf einer Berufsschule oder in einem Gymnasium (lukio) fortgesetzt werden. Die Dauer der gymnasialen Ausbildung ist nicht konkret festgelegt, sondern hängt ähnlich wie im Hochschulstudium von der persönlichen Studienleistung des Schülers ab. Die Mehrheit der Schüler legt nach insgesamt zwölf Schuljahren das Abitur ab. Sowohl dieses als auch der Abschluss der Berufsschule qualifizieren den Schüler prinzipiell für eine Hochschulausbildung, jedoch sind an den Hochschulen Aufnahmeprüfungen mit zum Teil starker Selektion üblich. Die Grundschulen und Gymnasien sowie ein Teil der Berufsschulen stehen unter Verwaltung der Gemeinden.[65]

In den PISA-Studien haben die Schüler Finnlands mit ihren Platzierungen in der Spitzengruppe für Aufsehen gesorgt. Zu den Erklärungsversuchen für das gute Abschneiden des finnischen Schulsystems gehören unter anderem staatliche Bildungsinitiativen wie das seit 1996 bestehende sogenannte LUMA-Programm zur Förderung des naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterrichts. Weiter wird auf die einheitliche Schulausbildung für alle Schüler unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund und das damit bessere Abschneiden der schwächeren Schüler verwiesen.[66] Die oft ins Gespräch gebrachte finnische Ganztagsschule gibt es jedoch im Regelfall nicht. Nur etwa ein Viertel der finnischen Schüler nimmt an schulischen Nachmittagsaktivitäten teil.[67] Weder sind die Gemeinden zur Einrichtung von Ganztagsschulen, noch die Schüler zur Teilnahme am Nachmittagsangebot verpflichtet.[68]

Die offizielle Zweisprachigkeit Finnlands spiegelt sich auch im Schulsystem wider. Alle Gemeinden, in denen sowohl finnisch- als auch schwedischsprachige Einwohner leben, sind gesetzlich verpflichtet, für beide Sprachgruppen gesonderte Schulbildung anzubieten.[69] Zu den Besonderheiten der schulischen Fremdsprachenbildung und zu den immer wieder heftig diskutierten Themen gehört die Verpflichtung aller Schüler, die jeweils andere Landessprache zu erlernen. Die immer wieder aufflammende öffentliche Debatte über diese Pflicht wird insbesondere von Vertretern der finnischsprachigen Mehrheit unter dem Schlagwort „Zwangsschwedisch“ (pakkoruotsi) geführt.[70]

Die Hochschulen gliedern sich wie in Deutschland in Universitäten und Fachhochschulen. Während erstere akademische Lehre und Forschung betreiben, konzentrieren sich letztere auf berufsbezogene Ausbildung. Die Fachhochschulen stehen unter Leitung der Gemeinden oder privater Stiftungen, während die 20 Universitäten des Landes eine weitgehende Selbstverwaltung genießen. Lehre und Forschung an den Hochschulen werden durch öffentliche Mittel finanziert. Die Unterrichtssprache an den finnischen Hochschulen ist in der Regel Finnisch, für die schwedischsprachige Minderheit werden jedoch ebenfalls Studienmöglichkeiten angeboten. Einige Hochschulen, allen voran die Åbo Akademi, sind rein schwedischsprachig. In jüngerer Vergangenheit sind zunehmend auch Lehrinhalte in anderen Sprachen, vor allem Englisch, eingeführt worden.

Die Schul- und Hochschulausbildung ist frei von Studiengebühren. Zusätzlich erhalten Studenten zur Finanzierung ihres Studiums staatliche Studienzuschüsse, Wohngeld sowie staatlich bebürgte und zinsgünstige Studiendarlehen. Ein im internationalen Vergleich großer Teil von gut 40 % der jeweiligen Altersklassen erwirbt in Finnland einen Hochschulabschluss.[71] Die Studiendauer bis zum Erreichen des höheren Hochschulabschlusses beträgt im Schnitt 5,1 effektive Studienjahre. Die Gesamtdauer des Studiums wird allerdings erhöht durch die unter Studenten verbreitete Erwerbsarbeit.[72]

Wirtschaft

Finnland gehört heute zu den wohlhabenden Ländern innerhalb der Europäischen Union. Im Jahr 2005 erreichte der Kaufkraftindex für Finnland den Wert 111 im Vergleich zum Unionsdurchschnitt 100.[73] Die finnische Außenhandelsbilanz weist einen leichten Überschuss auf. Im Jahr 2006 betrug der Export 61,40 Mrd. € bei einem Import von 55,89 Mrd. €. Die wichtigsten Handelspartner sind Deutschland mit einem Handelsanteil von 11,3 %, Schweden mit 10,5 % und Russland mit 10,1 %.[74]

Wirtschaftliche Entwicklung

Bis weit ins 20. Jahrhundert zählte Finnland zu den ärmsten Ländern Europas. Auch wenn bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Industriebetriebe, vor allem Papiermühlen, Baumwollspinnereien und Eisenhütten entstanden, war das Leben der meisten Finnen bis nach dem Zweiten Weltkrieg von der Landwirtschaft geprägt. Erst nach dem Krieg wurde die Industrialisierung stärker vorangetrieben, nicht zuletzt, um die umfangreichen Reparationsforderungen der Sowjetunion zu bewältigen. Innerhalb von zwanzig Jahren entwickelte sich eine diversifizierte Wirtschaft mit einer leistungsfähigen Elektroindustrie, Petrochemie und Maschinen- und Fahrzeugbau. Ein weiterer wichtiger Bereich wurde der Schiffbau.

Das kräftige Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit, das auch mit dem lebhaften Osthandel verknüpft war, wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 jäh unterbrochen. In der nachfolgenden schweren Wirtschaftskrise sank das Bruttosozialprodukt um 13 % , die Arbeitslosenquote stieg von 3,4 im Jahr 1990 auf 18,4 % im Jahr 1994. Die Krise brachte eine einschneidende Umstrukturierung der finnischen Wirtschaft. Zur Stabilisierung des Staatshaushaltes wurden zahlreiche Staatsunternehmen privatisiert. Gleichzeitig investierte der Staat umfangreich in die Hochschulbildung im Hochtechnologiebereich. So wurde dann auch die Mikroelektronikbranche mit Nokia an der Spitze zum Zugpferd für den wirtschaftlichen Aufschwung. Der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft 1995 trug seinerseits zur wirtschaftlichen Stabilisierung bei. Die Neuausrichtung der Wirtschaftsstruktur sorgte bis zum Jahr 2001 für eine Halbierung der Arbeitslosenquote auf 9,2 %. In der Folge sank die Arbeitslosigkeit weiter und betrug 2007 noch durchschnittlich 6,9 %.[75]

Industrie

Die Mobilfunktechnologie rund um Nokia ist heute das Zugpferd der finnischen Industrie.

Die finnischen Wälder stellen den wichtigsten Rohstoff des Landes dar. Dementsprechend war die Holz- und Papierindustrie bis in die jüngste Vergangenheit der prägende Industriezweig des Landes. Schon im 17. Jahrhundert war Finnland der weltweit größte Exporteur von Teer, Sägewerke waren im 19. Jahrhundert vielerorts die ersten Industriebetriebe. Noch in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts machte die Holz- und Papierwirtschaft über die Hälfte des finnischen Exportes aus.[76] Heute stellt sie noch rund 12 % der industriellen Produktion Finnlands[77] und verarbeitet jährlich insgesamt über 75 Millionen Kubikmeter Rohholz.[78] Rund ein Drittel des Rohholzes wird mechanisch zu Schnitt- und Spanholz verarbeitet, zwei Drittel chemisch zu Zellstoff. Die Konzerne Stora Enso, UPM-Kymmene und M-real haben in den vergangenen Jahren verstärkt auch im Ausland investiert und zählen zu den Weltmarktführern der Papierindustrie.

In den letzten Jahren ist die Papierindustrie in ihrer Bedeutung jedoch von der Metall- und besonders der Elektronikbranche überholt worden. Beide machen heute jeweils rund 20 % der Produktion aus, die Elektronikindustrie hat ihre Produktion von 1995 bis 2006 mehr als vervierfacht.[77] Den Löwenanteil der Branche machen das Mobilfunkunternehmen Nokia und seine Zulieferer aus. Nokia ist mit einem weltweiten Umsatz von 41,1 Mrd. Euro heute das mit Abstand größte Unternehmen Finnlands. In der Metallindustrie machen Zulieferprodukte für die Forstindustrie gut 20 % der Produktion aus. Zu den bekannten Exporteuren der Branche gehören Fiskars, einer der ältesten metallverarbeitenden Betriebe Finnlands, der Aufzughersteller Kone sowie die Fahrzeughersteller Valmet und Sisu Auto.

Land- und Forstwirtschaft

Holzernte in Pirkanmaa

Die Landwirtschaft spielt nach wie vor eine bedeutende Rolle in der finnischen Wirtschaft und Gesellschaft. Rund 300.000 Menschen sind in der Landwirtschaft und den Folgeindustrien beschäftigt.[79] Dabei sind die klimatischen Bedingungen für den Ackerbau ungünstig: die kurze Vegetationsperiode, unregelmäßige Niederschläge und saure Moorböden stellen Hindernisse für eine intensive Landnutzung dar. Nur 2,2 Millionen Hektar, also kaum 6,5 % der Landesfläche, werden landwirtschaftlich genutzt. Getreideanbau (Gerste, Hafer, Weizen) und Schweinemast dominieren in den Küstenregionen Süd- und Westfinnlands. In Mittel- und Ostfinnland liegt der Schwerpunkt auf der Rinderhaltung; Milchprodukte machen gut 40% der landwirtschaftlichen Gesamtproduktion aus. Im Rentierzuchtgebiet, das Lappland und den Nordteil der Provinz Oulu umfasst, gibt es rund 5500 Rentierzüchter, die insgesamt über 200.000 Tiere besitzen.[80] Anders als in Schweden und Norwegen ist die Rentierzucht kein Privileg der samischen Minderheit, sondern wird auch von Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung ausgeübt.

Der EU-Beitritt des Landes war besonders für die finnische Landwirtschaft ein folgenschwerer Einschnitt. War der finnische Agrarmarkt durch eine protektionistische Zollpolitik zuvor gut abgeschottet, so fielen die Erzeugerpreise nach 1995 schlagartig um mehr als ein Drittel. Da die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union jedoch den Erhalt der Landwirtschaft in allen Regionen und den Ausgleich struktureller und natürlicher Nachteile vorsieht, profitieren die finnischen Bauern heute in erheblichem Maße von EU-Fördergeldern. Unter diesen Umständen hat sich die Landkonzentration in den vergangenen Jahren erhöht: Während die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe von fast 80.000 im Jahr 2000 auf 69.071 im Jahr 2006 sank, stieg die Durchschnittsgröße der Hoffläche von 28 auf 33 Hektar.[81]

Von der Forstwirtschaft als Zulieferer der holzverarbeitenden Industrie profitiert ein bedeutender Teil der Bevölkerung als Arbeitnehmer, aber auch als Waldbesitzer: Rund 58 % der finnischen Wälder sind im Besitz von Privatpersonen, jede fünfte finnische Familie besitzt Waldgrundstücke. Jedes Jahr werden über 100.000 Einschlagverträge zwischen Privatpersonen und der Forstindustrie geschlossen.[82] In den finnischen Wäldern werden jährlich rund 60 Millionen Kubikmeter Holz geschlagen. Nach Berechnungen des finnischen Landwirtschaftsministeriums übersteigt der jährliche Nachwuchs diese Menge deutlich.[83] Die Abholzungen in nordfinnischen Urwäldern sind allerdings in den vergangenen Jahren Gegenstand heftiger und teilweise auch militant vorgetragener Kritik durch verschiedene Naturschutzorganisationen geworden.[84]

Tourismus

Typische Idylle: das falunrot gestrichene Ferienhaus.

Der Tourismus hat in Finnland besonders seit den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts an Bedeutung gewonnen. Im Jahr 2006 verzeichneten die Beherbergungsbetriebe Finnlands 14.519.605 Übernachtungen und damit einen Anstieg von 5,7 % gegenüber dem Vorjahr. Gut ein Viertel der Übernachtungen entfielen auf die Provinz Uusimaa mit der Region Helsinki, wo sich der finnische Städtetourismus konzentriert.[85]

Die bevölkerungsarme Provinz Lappland kam auf gut 1,5 Millionen Übernachtungen. Für die strukturschwache Region stellt der Tourismus heute eine bedeutende wirtschaftliche Perspektive dar. Die meisten Gäste kommen in den Wintermonaten und besuchen eines der 13 Wintersportzentren wie Ruka, Levi oder Ylläs.

In den anderen ländlichen Gegenden konzentriert sich der Tourismus dagegen auf den Sommer und hat seine Spitze im Juli, wenn Gäste aus dem In- und Ausland ihren Urlaub in einem Sommerhaus (mökki) an einem der tausenden Seen Finnlands verbringen.

Rund ein Viertel der Gäste besuchen Finnland aus dem Ausland. Die größte Gruppe machten 2006 mit knapp 600.000 Übernachtungen erstmals Gäste aus Russland aus, deren Übernachtungszahlen gegenüber dem Vorjahr um 34 % anstiegen. Gefolgt werden sie von den Touristen aus Schweden, Deutschland und Großbritannien.

Verkehr

Straßenverkehr

Staatsstraßen (rot) und Hauptstraßen (gelb) in Finnland

Im Verhältnis zur geringen Bevölkerungsdichte des Landes ist das finnische Straßennetz gut ausgebaut. Das Landstraßennetz umfasst insgesamt 78.189 km, wovon aber nur 65 % befestigt sind.[86] Für deren Unterhalt ist die dem Verkehrs- und Kommunikationsministerium unterstellte Straßenverwaltung (tiehallinto) zuständig. Hinzu kommen rund 26.000 Kilometer kommunale Straßen und rund 350.000 Kilometer Privat- und Wirtschaftswege.[87] Auf die Staatsstraßen (valtatie) und Hauptstraßen (kantatie), welche die Städte des Landes miteinander verbinden, entfallen zusammen 13.264 km.[86] Den größeren Teil des Straßennetzes machen die kleineren Regionalstraßen (seututie) und Verbindungsstraßen (yhdystie) aus, auf ihnen spielt sich aber nur etwa ein Drittel des Verkehrs ab. Autobahnartig ausgebaut sind 700 km des Straßennetzes.[86]. Durchgehende Autobahnen existieren von Helsinki nach Tampere und Lahti, in Bau befindet sich die Strecke nach Turku. Von den 14.000 Brücken an den finnischen Landstraßen ist die auf die Insel Replot mit 1045 m die längste.[88] In den Schärengebieten vor der Küste Finnlands unterhält die Straßenverwaltung 43 kostenfreie Fährstrecken mit Längen zwischen 169 m und 9,5 km.[89] Im Winter werden offizielle Eisstraßen über die zugefrorenen Seen eingerichtet.[90]

Das Tempolimit liegt außerorts bei 80, auf Autostraßen bei 100 und auf Autobahnen bei 120 km/h. Auch tagsüber muss mit Abblendlicht gefahren werden. Im Winter sind Winterreifen Vorschrift, Reifen mit Spikes sind dabei erlaubt und werden mehrheitlich verwendet.

Fast jeden Ort kann man auch mit dem Bus erreichen. In Finnland operierende Busunternehmen sind unter anderen Connex, Länsilinjat, Paunu, Pohjolan Liikenne und Savonlinja. Die Überlandlinien werden von verschiedenen im Matkahuolto-Verbund zusammenarbeitenden Busunternehmen unter der Marke Expressbus betrieben.

Schienenverkehr

Pendolino-Zug auf der Strecke Helsinki-Turku

Das finnische Eisenbahnnetz ist bei einer Gesamtlänge von 5.741 Schienenkilometern [91] eher weitmaschig. Die erste Eisenbahnstrecke wurde 1862 zwischen Helsinki und Hämeenlinna eröffnet. Der weitere Ausbau des Netzes fand zum größten Teil noch zur Zeit der russischen Herrschaft statt, so dass das finnische Schienennetz die Russische Breitspur (1520 mm) hat. Die staatliche Betreibergesellschaft wurde 1995 in zwei Teilgesellschaften gespalten; die VR-Yhtymä ist heute für den Personen- und Frachtverkehr zuständig, für die Wartung des Netzes und den Betrieb der Bahnhöfe die Bahnverwaltungszentrale (Ratahallintokeskus).

Bis auf die wenigen Hauptverkehrsachsen sind die Strecken zumeist nur eingleisig ausgebaut, nur knapp die Hälfte des Gesamtnetzes ist elektrifiziert.[92] Die größten Städte werden mit dem bis zu 220 km/h schnellen Hochgeschwindigkeitszug S220 (Pendolino) bedient. Nachtreisezüge und Autoreisezüge verbinden die großen Ballungsräume des Südens mit den nördlichen Regionen des Landes. Internationale Passagierverbindungen gibt es nur nach Russland, eine Frachtstrecke besteht zudem zwischen Tornio und Haparanda in Schweden. Die Strecke von Helsinki nach St. Petersburg wird in den nächsten Jahren von einem Joint-Venture der finnischen und russischen Staatsbahnen zu einer Hochgeschwindigkeitsstrecke ausgebaut werden.[93] Als erste Stufe wurde im September 2006 die 74 km lange Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Kerava und Lahti in Betrieb genommen.[94] Die einzige U-Bahn des Landes ist die Metro Helsinki, und auch Straßenbahnen gibt es seit der Stilllegung der Straßenbahn Turku 1972 nur beim Verkehrsbetrieb der Stadt Helsinki (HKL).

Schiffsverkehr

Die MS Mariella im Hafen von Helsinki

Große Bedeutung kommt der Küstenschifffahrt, für den Handel mit Russland auch der Binnenschifffahrt über den Saimaakanal zu. Über teils natürliche, teils künstlich geschaffene Wasserstraßen sind die größten Seen miteinander verbunden, so dass die Binnenschifffahrt auch weit im Landesinneren gelegene Orte erreicht. Der größte Seehafen ist Helsinki, gefolgt von Turku, Kotka, Hanko, Naantali, Rauma und Porvoo.[95] Der bedeutendste Hafen der finnischen Fischereiflotte ist Kaskinen. Die Handelsflotte besitzt 92 Schiffe mit mehr als 1000 Bruttoregistertonnen.[96] Da im Winter die Küstengewässer zufrieren, hält eine große Zahl von Eisbrechern die Hafenzufahrten frei.

Im Personen- und Güterverkehr werden zwischen Finnland, Schweden, Russland, Estland und Deutschland Fähren eingesetzt. Linien der großen Fährunternehmen Eckeröline, Viking Line, Tallink und Silja Line verbinden die westfinnische Küste mit schwedischen Häfen. Reisen mit den sogenannten „Schwedenschiffen“ (ruotsinlaiva), die an Bord Restaurants, Nachtklubs und Tax-Free-Shops bieten, nach Stockholm sind schon seit langem populär. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist auch die estnische Hauptstadt Tallinn wegen ihrer malerischen Altstadt und des niedrigen Preisniveaus für Tagesausflügler aus Helsinki attraktiv geworden. Auf dieser Strecke hat sich die Fahrzeit durch den Einsatz von Motorkatamaranen auf nur knapp zwei Stunden verringert.

Passagieraufkommen der
meistfrequentierten Flughäfen (2007)[97]
Helsinki-Vantaa13.090.744
Oulu839.950
Tampere-Pirkkala687.711
Rovaniemi450.085
Vaasa321.928
Turku308.782
Kuopio304.204
Kittilä240.619

Flugverkehr

Dem Binnenflugverkehr kommt wegen der Ausdehnung des Landes eine große Rolle zu. Ein dichtes Inlandsflugnetz bedient die größeren Orte, aber auch abgelegene Winkel in Lappland. Von den mehr als 150 Flughäfen und Flugplätzen in Finnland werden derzeit 22 regelmäßig von Linienfluggesellschaften angeflogen.

Das mit Abstand meistfrequentierte Luftfahrt-Drehkreuz des internationalen wie des nationalen Flugverkehrs ist der Flughafen Helsinki-Vantaa. Fast alle Linienflughäfen sowie die Flugsicherung werden von der dem Verkehrsministerium unterstellten staatlichen Betreibergesellschaft Finavia unterhalten. Die nationale finnische Fluggesellschaft (Flagcarrier) ist die 1923 gegründete Finnair; sie ist zu rund 60% in Staatsbesitz. Weitere Fluggesellschaften sind Air Finland, Blue1 und Finncomm Airlines; den Flugverkehr zum Flughafen Mariehamn auf Åland betreiben die Air Åland und Turku Air.

Kultur

Die Sauna, hier eine Rauchsauna in Enonkoski, gehört zu den ältesten bekannten Traditionen Finnlands.

Die finnische Kultur hat seit der vorhistorischen Zeit Einflüsse aus dem westlichen Europa wie auch aus Russland aufgenommen. Groß war der Einfluss Schwedens, zu dem Finnland jahrhundertelang gehörte, und auch Deutschlands, mit dem stets rege Handelsbeziehungen bestanden. In Ostfinnland und Karelien, die immer wieder ganz oder teilweise unter russischer Herrschaft standen, wirkte auch der orthodoxe Kulturkreis ein. Nach den Weltkriegen fand die internationale westliche Populärkultur auch in Finnland Einzug. Auch wenn heute die Urbanisierung Finnlands weit fortgeschritten ist, spielt die hergebrachte Bedeutung des Landlebens und der Naturnähe, ebenso wie alte Traditionen wie der alltägliche Gebrauch der Sauna im kulturellen Selbstverständnis der Finnen weiterhin eine tragende Rolle.

Literatur

Schon in vorchristlicher Zeit verfügten die Finnen über eine reiche mündlich überlieferte Volksdichtung, die vor allem Motive der „heidnischen“ finnischen Mythologie zum Gegenstand hatte. Die literarische Produktion begann erst mit der Christianisierung im 13. Jahrhundert, blieb aber bis zur Reformation sehr spärlich und beschränkte sich auf lateinische Sakraltexte. Die ersten Texte in finnischer Sprache entstanden nach der Reformation im 16. Jahrhundert, als man der lutherischen Lehre gemäß begann, das Wort Gottes in der Sprache des Volkes zu verkünden. Der Reformator Mikael Agricola legte mit seinem Hauptwerk, der Übersetzung des Neuen Testaments 1548, den Grundstein für eine finnische Schriftsprache. In den folgenden Jahrhunderten gab es nur vereinzelte literarische Tätigkeiten hauptsächlich religiösen Charakters, von einer literarischen Kultur konnte nicht die Rede sein.[98]

Elias Lönnrot. Kupferstich von G. Budkowski aus dem Jahr 1845.

Im frühen 19. Jahrhundert fasste die Romantik unter der Wirkung der Lehren des einflussreichen Humanisten Henrik Gabriel Porthan in Form der sogenannten „Turkuer Romantik“ in Finnland Fuß. Ihr herausragendster Vertreter war der auf Schwedisch schreibende Dichter Frans Michael Franzén. Nachdem Finnland 1809 unter russische Herrschaft gekommen war, begann sich ein finnisches Nationalbewusstsein herauszubilden, zu dessen Entwicklung der Schriftsteller Johan Ludvig Runeberg – ebenfalls auf Schwedisch – wesentlich beitrug. Runebergs Hauptwerk war das Versepos Fähnrich Stahl (1848/1860), aus dem unter anderem die finnische Nationalhymne entnommen ist. Johan Vilhelm Snellman, der wichtigste finnische Denker jener Zeit, hob die Rolle der finnischen Sprache für die Entwicklung einer finnischen Nation hervor, und unter seinem Einfluss sah man es als wesentliche Aufgabe der finnischsprachigen Literatur an, zum Aufbau einer nationalen Identität beizutragen.[99] Zugleich weckte die Romantik ein Interesse an der finnischen Volksdichtung. Elias Lönnrot zeichnete auf mehreren Reisen in Ostkarelien mündlich übermittelte Lieder auf und schuf auf dieser Grundlage das finnische Nationalepos Kalevala (erste Fassung 1835, zweite Fassung 1849) und dessen lyrisches Schwesterwerk Kanteletar (1840). Das Kalevala verschuf der finnischen Identität enormen Auftrieb, sah man es doch als Ausdruck eines eigenständigen Kulturerbes, und prägt bis heute die finnische Kultur.[100]

Aleksis Kivi. Zeichnung von Albert Edelfelt, 1873.

Als Begründer der modernen finnischen Literatur gilt Aleksis Kivi. Er schuf mit Die sieben Brüder (1871) den finnischen Roman, zudem schrieb er die ersten Dramen in finnischer Sprache. Mit Kivi begann sich die finnische Literatur an gesamteuropäischen Strömungen zu orientieren. Die wichtigsten Vertreter des gesellschaftskritischen Realismus waren Minna Canth, Juhani Aho sowie Arvid Järnefelt. Die zuvor wenig entwickelte finnische Literatur erreichte nun ein Niveau, das durchaus mit dem der skandinavischen Nachbarländer mithalten konnte.[101]

Der bedeutendste Schriftsteller der Zwischenkriegszeit war Frans Eemil Sillanpää. Er erfuhr in den Dreißigerjahren mit Silja die Magd auch international Beachtung und erhielt im Jahr 1939 als erster und bislang einziger finnischer Literat den Nobelpreis für Literatur. Unter den Theaterautoren der Zwischenkriegszeit war Hella Wuolijoki führend. Eines ihrer Stücke diente Bertolt Brecht als Vorlage für Herr Puntila und sein Knecht Matti (1940). Nach Kriegsende wusste Väinö Linna mit seinem Roman Kreuze in Karelien (1954) das in der finnischen Gesellschaft herrschende Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung mit dem verlorenen Krieg zu befriedigen. In ähnlicher Weise verarbeitet sein zweites großes Werk, Hier unter dem Polarstern (1959–62), den Finnischen Bürgerkrieg. Diese Romantrilogie ist das meistverkaufte finnische Buch.[102] Der im Ausland meistgelesene finnische Schriftsteller ist indes Mika Waltari. Sein bekanntestes Werk, der historische Roman Sinuhe der Ägypter (1945), wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und 1954 sogar in Hollywood verfilmt. Zu ähnlicher internationaler Bekanntheit gelangten die Mumin-Kinderbücher der finnlandschwedischen Autorin Tove Jansson.

Siehe auch: Liste finnischsprachiger Schriftsteller

Musik

Hauptartikel: Finnische Musik

Die Runensängerin Larin Paraske gilt als das „Gedächtnis“ der finnischen Volksdichtung.

Die finnische Volksmusik speist sich aus zwei Quellen. Die ältere stellen die oft als Kalevala-Musik bezeichneten Weisen dar, in denen die finnische Volksdichtung rezitiert und von Generation zu Generation mündlich überliefert wurden. Diese „Runen“ (finnisch runo) genannten Lieder wurden zumeist in einfachen pentatonischen Melodien gesungen, entweder von einem Solisten oder im Wechselgesang, begleitet von der Kantele, dem finnischen „Nationalinstrument“. Die zweite Traditionslinie ist die so genannte pelimanni-Musik (schwedisch spelman, „Spielmann“), die sich beginnend im 17. Jahrhundert von Mittel- und Osteuropa nach Finnland verbreitete. Im Gegensatz zu den Runen sind die pelimanni-Lieder tonal und in den üblichen europäischen Strophen- und Reimformen gehalten. Mit der Gründung eines Sommerfestivals in Kaustinen begann 1968 die bis heute anhaltende Renaissance der finnischen Volks- und Folkmusik. In den 1990er Jahren gelang es Folkbands wie Värttinä, im Rahmen der „Weltmusik“ auch ein internationales Publikum zu erreichen. In diesem Kontext ist mit Interpreten wie Nils-Aslak Valkeapää auch der gutturale Joik-Gesang der Samen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Als Vater der klassischen Musik in Finnland gilt der aus Hamburg stammende Fredrik Pacius, der durch seine Lehrtätigkeit in Helsinki ab 1834 das Idiom der deutschen Romantik nach Finnland vermittelte. Pacius komponierte 1848 zu einem Text von Johan Ludvig Runeberg auch die heutige finnische Nationalhymne Maamme. Auch das Frühwerk Jean Sibelius‘ (1865–1957) ist entscheidend von der deutschen Romantik und Anleihen an der finnischen Volksmusik geprägt, doch wurde er insbesondere mit seinen in die Moderne weisenden späteren Violinkonzerten und Orchesterwerken zum international meistbeachteten finnischen Komponisten. Seine Musik ist mit ihrem nationalromantischen Pathos für die Finnen in hohem Maße identitätsstiftend und Sibelius für die jüngeren finnischen Komponisten eine Art Überfigur, mit oder gegen die sie ihr eigenes Schaffen definieren.

Einen recht eigenen Stil pflegt die Band Apocalyptica, die Metalsongs auf Violoncelli einspielt.

In jüngerer Zeit haben im Anschluss an die Wiederbelebung der Savonlinna-Opernfestspiele 1967 vor allem die Opern von Kalevi Aho, Aulis Sallinen und Einojuhani Rautavaara international Beachtung erfahren, unter den Opernsängern die Bässe Kim Borg, Martti Talvela und Matti Salminen. Der Klassikernachwuchs wird an der renommierten Sibelius-Akademie ausgebildet, der einzigen Musikhochschule des Landes. Aus der Dirigentenschmiede der Akademie gingen Granden wie Leif Segerstam, Esa-Pekka Salonen und Jukka-Pekka Saraste hervor. Mit mehr als 30 Sinfonieorchestern hat Finnland eine außergewöhnlich hohe Orchesterdichte.[103]

Der international weitgehend unbekannte finnische Schlager erfreut sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts einiger Beliebtheit. Waren die Kompositionen in der Vergangenheit teils noch von hohem künstlerischem Anspruch beseelt, so etwa die Lieder Georg Malmsténs und die Couplets von Reino Helismaa und Tapio Rautavaara, so ist der heutige finnische Schlager mit seinen Stars wie Katri Helena zumeist als seichte Unterhaltungsmusik zu bezeichnen. Eine Besonderheit stellt der finnische Tango dar, der mit dem Erfolg des „Tangokönigs“ Olavi Virta seine Hochzeit in den 1940er und 1950er Jahren hatte. Insbesondere Unto Mononens Komposition Satumaa („Märchenland“) gilt als Inbegriff finnischer Wehmut. Schlager, Tango und Humppa werden traditionell zum Paartanz in den zahlreichen zumeist außerhalb der Städte am Seeufer gelegenen Tanzpavillons aufgespielt.

Metal ist in Finnland ausgesprochen populär. So kann etwa eine Metal-Band wie Children of Bodom mit einiger Regelmäßigkeit die Spitze der Musikcharts belegen. Erst in jüngerer Zeit haben finnische Rock- und Metalbands wie HIM, The Rasmus und Nightwish auch international Charterfolge feiern können. Nachdem Finnland beim im Land vielbeachteten Eurovision Song Contest seit seiner erstmaligen Teilnahme 1961 regelmäßig die hinteren Ränge belegt hatte, gelang der Hardrock-Band Lordi 2006 der erste finnische Sieg diesem Wettbewerb. An dieser in Monsterkostümen auftretenden Band lässt sich auch eine gewisse Skurrilität festmachen, die für viele finnische Bands charakteristisch ist. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Leningrad Cowboys, die für ihre imposanten Haartrachten und Schuhe ebenso bekannt sind wie für ihre eigenwilligen Interpretationen bekannter Pop- und Rocksongs. Seit den 1990er Jahren gibt es mit Acts wie Fintelligens auch eine robuste Hip-Hop-Szene; den Bomfunk MCs gelang 2000 mit Freestyler auch ein internationaler Hit.

Bildende Kunst

Akseli Gallen-Kallelas Die Verteidigung des Sampo (1896) ist eines der bekanntesten Werke der finnischen Malerei.

Hauptartikel: Finnische Kunst

Eine eigenständige finnische Kunst entwickelte sich nach bescheidenen Anfängen in der sakralen Kunst des Mittelalters, von denen Wandmalereien in den Kirchen jener Zeit zeugen, erst im 19. Jahrhundert. Anfangs standen die finnischen Künstler des 19. Jahrhunderts wie Robert Wilhelm Ekman, die Brüder Magnus, Wilhelm und Ferdinand von Wright, Werner Holmberg oder Fanny Churberg unter deutschem Einfluss. Mit den Werken Carl Eneas Sjöstrands und Walter Runebergs begann sich auch eine finnische Bildhauerei herauszubilden.

Die Zeit zwischen 1880 und 1910 gilt als „goldenes Zeitalter“ der finnischen Kunst. Die Künstler dieser Epoche wie die Maler Albert Edelfelt, Akseli Gallen-Kallela, Eero Järnefelt, Pekka Halonen und Helene Schjerfbeck oder der Bildhauer Ville Vallgren bezogen ihre Einflüsse nun aus Paris und wurden erstmalig auch außerhalb des Landes bekannt. Das sich entwickelnde finnische Nationalbewusstsein und die Russifizierungsbemühungen des russischen Zaren zu jener Zeit führten zu einer Hinwendung zu finnisch-nationalen Themen. Die nationalromantische Begeisterung für das Kalevala und dessen Ursprungsort Karelien manifestierte sich in einer als Karelianismus bekannten Strömung. Vor allem Akseli Gallen-Kallelas Werke zum finnischen Nationalepos prägen bis heute die visuelle Vorstellung vom Kalevala und machten ihn zum wohl bekanntesten finnischen Künstler. Während Gallen-Kallelas Anfangswerk noch dem Realismus zuzurechnen ist, wandte er sich später dem Symbolismus zu, den auch Magnus Enckell und Hugo Simberg vertraten.

Im 20. Jahrhundert waren die verschiedenen Stilrichtungen der Moderne in der finnischen Kunst vorherrschend. Nachdem sich Wäinö Aaltonen in den 1920er und 1930er Jahren mit seinen monumentalen Skulpturen zum führenden Bildhauer Finnlands entwickelt hatte, wurde in den 1960er Jahren in der Bildhauerei der konventionelle Stil von abstrakten Plastiken wie Eila Hiltunens Sibelius-Monument verdrängt. Zur gleichen Zeit erlebte die Malerei mit dem Einzug der Informellen Kunst einen radikalen Umbruch.

Das finnische Design genießt dank der funktionalistischen Entwürfe Alvar Aaltos aus den 1930er Jahren und der Erfolge von Designern wie Tapio Wirkkala, Timo Sarpaneva und Kaj Franck in den 1950er Jahren international einen guten Ruf. Bekannte finnische Designermarken sind der Keramikproduzent Arabia, die Glasfabrik Iittala, die Möbelfirma Artek oder der Textilproduzent Marimekko.

Die bedeutendste Kunstsammlung des Landes ist die Finnische Nationalgalerie. Sie geht auf die Sammlungen des 1846 gegründeten Finnischen Kunstvereins zurück und wird von vier Museen in der Hauptstadt Helsinki gebildet: Dem Ateneum, dem Kiasma-Museum für zeitgenössische Kunst, dem Sinebrychoff-Kunstmuseum sowie dem Zentralarchiv der bildenden Kunst.

Architektur

Holzhäuser in der Altstadt von Rauma

Hauptartikel: Finnische Architektur

Die ältesten erhaltenen Bauwerke Finnlands sind mittelalterliche Steinkirchen und -burgen. Die älteste Burg Finnlands ist die auf das späte 13. Jahrhundert zurückgehende Burg Turku. Die 73 erhaltenen mittelalterlichen Steinkirchen aus dem 13. bis 16. Jahrhundert sind fast ausnahmslos aus Feldstein erbaut, meist eher klein, turmlos und allenfalls mit schlichter Backsteinornamentik verziert. Einzig der Dom zu Turku erreicht die Proportionen mitteleuropäischer Kathedralen. Wohn- und Zweckbauten wurden von jeher zumeist aus Holz errichtet, oft in Blockbauweise. Größere Holzhausviertel finden sich heute noch in den Altstädten von Rauma, Porvoo und Naantali. Im 17. und 18. Jahrhundert ging man auch im Kirchenbau zur Holzbauweise über. Als typisches Beispiel dieser Architekturtradition wurde die Alte Kirche von Petäjävesi (1765) in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Der Dom Helsinki – herausragendstes Beispiel der klassizistischen Architektur Engels.

Nachdem Finnland unter russische Herrschaft gekommen war, wurde 1812 die Hauptstadt des neugeschaffenen Großfürstentums Finnland nach Helsinki verlegt. Die bisher unbedeutende Stadt wurde unter der Ägide des deutschen Architekten Carl Ludwig Engel zu einer repräsentativen Hauptstadt im Stil des Klassizismus ausgebaut. Insbesondere das Ensemble um den Senatsplatz mit dem Dom Helsinki ist hervorzuheben. Auch in anderen Städten des Landes entstanden klassizistische Bauten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen in der finnischen Architektur zwischenzeitlich Neogotik und Neorenaissance auf. Nachhaltigere Bedeutung erlangte indessen die vom Jugendstil beeinflusste Nationalromantik der Zeit um die Jahrhundertwende. Beispiele für die nationalromantische Architektur in Finnland sind die Wohnbauten der Helsinkier Stadtteile Katajanokka und Eira oder der von Eliel Saarinen entworfene Hauptbahnhof Helsinki (1919). Als Gegenrichtung zum Jugendstil ist der sogenannte Nordische Klassizismus für die Architektur nach Erlangung der finnischen Unabhängigkeit kennzeichnend. In den 1920er Jahren entstanden zahlreiche neuklassizistische Bauten, ihren Abschluss fand diese Stilepoche 1931 mit dem monumentalen Parlamentsgebäude in Helsinki. In den 1930er Jahren setzte sich dann der nüchterne Funktionalismus durch, dessen bekanntester Vertreter Alvar Aalto ist.

Film

In Finnland werden jährlich durchschnittlich ein Dutzend Filme produziert. Ihr Anteil an den Zuschauerzahlen liegt im Schnitt bei 14 %.[104] Aufgrund des bei einer Bevölkerungszahl von 5 Millionen kleinen Marktes sind fast alle inländischen Produktionen auf staatliche Filmförderung angewiesen. Diese werden von der dem Bildungsministerium unterstellten Finnischen Filmstiftung (Suomen Elokuvasäätiö) gewährt. Die Stiftung wird größtenteils durch staatliche Sportwetten- und Spielautomaten-Einnahmen finanziert und verteilt Fördermittel von rund 13 Millionen € im Jahr[105] in erster Line für die Produktion, aber auch für den Vertrieb finnischer Filme im Ausland.

Der erste in Finnland gedrehte Film war ein kurzer Dokumentarfilm über eine karelische Hochzeit aus dem Jahr 1904, der erste Spielfilm folgte 1907. Als einflussreichster Regisseur und Produzent der Stummfilmära gilt Erkki Karu (1887–1935), dessen Werk wie die meisten Filme jener Zeit eine national gesinnte Linie vertritt. Seine Glanzzeit erlebte der finnische Film zwischen der Einführung des Tonfilms in den 30er Jahren und dem Beginn des Siegeszugs des Fernsehens in den 50er Jahren. Damals wurde jeder finnische Film von durchschnittlich 400.000 Zuschauern gesehen, also über einem Zehntel der Bevölkerung. Als Reaktion auf die zurückgehenden Zuschauerzahlen wurde Ende der 50er Jahre die Filmstiftung gegründet.

Anfang der 80er Jahre trat eine neue Generation von Filmemachern in den Vordergrund, deren bekannteste Vertreter die Brüder Aki und Mika Kaurismäki sind. Vor allem Aki Kaurismäki avancierte international zu einem Kultregisseur. Sein Film Leningrad Cowboys Go America (1989) ist einer der international meistbeachteten Filme aus finnischer Produktion, Der Mann ohne Vergangenheit (2002) gewann in Cannes den Großen Preis der Jury und war für den Oscar als „bester fremdsprachiger Film“ nominiert. International ausgezeichnete finnische Schauspieler sind Matti Pellonpää (1951–1995) und Kati Outinen, die beide zur konstanten Besetzung in Kaurismäkis Filmen gehören. Anfang der 90er Jahre konnte sich mit Renny Harlin erstmals ein finnischer Regisseur in Hollywood durchsetzen.

Der erfolgreichste Film in Finnland überhaupt war die Verfilmung des Väinö-Linna-Romans Tuntematon sotilas (deutscher Titel Kreuze in Karelien) von Edvin Laine aus dem Jahr 1955 mit insgesamt 2,8 Millionen Zuschauern. Der meistgesehene Film des 21. Jahrhunderts ist Aleksi Mäkeläs Pahat pojat von 2002 mit 614.628 Zuschauern.[106]

In Finnland wird alljährlich ein nationaler Filmpreis vergeben: Seit 1944 werden die besten finnischen Kinoproduktionen und Filmschaffenden mit dem Preis der finnischen Filmakademie (Filmiaura) ausgezeichnet, dem Jussi. Zudem finden zwei international bekannte Filmfestivals statt. Seit 1970 wird in Tampere das Tampere International Short Film Festival, ein vom internationalen Filmproduzentenverband FIAPF akkreditiertes Kurzfilmfestival, veranstaltet. Das Midnight Sun Film Festival gehört zu den exotischeren Filmfestivals, findet es doch in Sodankylä statt, fast 100 Kilometer nördlich des Polarkreises. Es wurde 1986 von den Kaurismäki-Brüdern als eine Art Gegenveranstaltung zu glamourösen Filmfestspielen wie in Cannes ins Leben gerufen.

Küche

Hauptartikel: Finnische Küche

Die Karelische Pirogge ist eine typische finnische Spezialität.

Die finnische Küche ist historisch in einer bäuerlich geprägten und recht armen Gesellschaft entstanden und stellt sich daher als einfache Volksküche dar. Die Küche Westfinnlands hat viele Einflüsse der schwedischen aufgenommen, während die ostfinnische Küche stärker russisch beeinflusst ist. Außerdem unterscheiden sich die Regionalküchen traditionell dahingehend, dass im Westen gekochte Speisen vorherrschen, während der Osten gebackene Speisen bevorzugt. Die Unterscheidung zwischen west- und ostfinnischer Küche spielt heute aber keine große Rolle mehr, da viele regionale Spezialitäten wie die Karelische Piroggen (karjalanpiirakka) im ganzen Land bekannt geworden sind. Ohnehin haben sich die Essgewohnheiten in Finnland weitgehend internationalisiert, so dass die Bedeutung der traditionellen Speisen zurückgegangen ist. Dazu gehören zum Beispiel der „Brotkäse“ (leipäjuusto) oder der ostfinnische kalakukko (in Brot gebackener Fisch). An Festtagen gibt es bestimmte Traditionsspeisen, etwa das berühmt-berüchtigte mämmi (eine Art Malzpudding) zu Ostern oder verschiedene Aufläufe (laatikko) zu Weihnachten. Wie in Schweden ist es Brauch, donnerstags Erbsensuppe und anschließend Eierkuchen zu essen.

Die Natur Finnlands liefert zahlreiche frische Zutaten wie Pilze und Beeren. Neben Blau- und Preiselbeeren gilt vor allem die seltene Moltebeere als Delikatesse. Außer Rind und Schwein wird insbesondere in ländlichen Gegenden oft auch Wild, z. B. Elchfleisch gegessen. Eine äußerst seltene Delikatesse ist Bärenfleisch. Vor allem in Nordfinnland kommt oft Rentierfleisch auf den Tisch, meist in Form von Rentiergeschnetzeltem (poronkäristys). Die zahlreichen Binnen- und Küstengewässer Finnlands liefern große Mengen an Fisch wie Hering, Lachs und Maräne. Beliebt, wenn auch heutzutage rar und teuer, sind auch Flusskrebse, deren Verzehr in der Krebssaison im Juli und August festlich zelebriert wird. Gemüse wird traditionell wenig gegessen, als Vitaminlieferant diente früher vor allem die Steckrübe. Gewürze waren der traditionellen Küche weitgehend unbekannt, hingegen wurde viel Salz benutzt. Typische Beilagen sind Kartoffeln und das landestypische dunkle Roggenbrot.

Medien

Die Sendezentrale von YLE in Pasila

Finnland zählt zu den fortgeschrittensten Informationsgesellschaften weltweit. Im Pressefreiheitsindex der Reporter ohne Grenzen belegt das Land den ersten Rang.[107] Im Digital Opportunity Index der Internationalen Fernmeldeunion und dem ICT Diffusion Index der Vereinten Nationen, den beiden maßgeblichen Indizes zum Fortschritt von Informations- und Kommunikationstechnologien, nimmt Finnland jeweils den weltweit elften Rang ein.[108][109] 71 Prozent der 15- bis 74-jährigen Finnen nutzen das Internet regelmäßig, bei den unter 40-jährigen sind es fast 100%.[110]

Insbesondere im Printbereich hat sich mit der Deregulierung des Markts in den vergangenen Jahren auch eine starke Medienkonzentration eingestellt; die beiden Medienkonzerne Sanoma WSOY und Alma Media nehmen eine marktbeherrschende Stellung ein. Die 53 Tageszeitungen und 153 weiteren Zeitungen erscheinen in einer Gesamtauflage von 3,3 Millionen Exemplaren, womit Finnland die höchste Gesamtauflage pro Kopf in der EU erreicht.[111] Die bei weitem auflagenstärkste und auch einflussreichste Zeitung ist die Helsingin Sanomat, gefolgt von den überregionalen Boulevardblättern Ilta-Sanomat und Iltalehti. Die Verbreitung der weiteren Zeitungstitel ist regional begrenzt. Das Sprachrohr der schwedischsprachigen Bevölkerung ist das in Helsinki erscheinende Hufvudstadsbladet.

Im Rundfunk dominiert nach wie vor das öffentlich-rechtliche Yleisradio (kurz YLE) den Markt. Das 1926 gegründete YLE ist zu 99,9 % in Besitz des finnischen Staats und untersteht dem Verkehrs- und Informationsministerium. Die beiden Fernsehprogramme TV1 und TV2, der Nachrichtensender YLE24, der Bildungskanal YLE Teema und das schwedischsprachige Vollprogramm YLE FST5 sowie vier Radioprogramme werden landesweit ausgestrahlt, daneben betreibt YLE dutzende Lokalradiosender. Der Sendebetrieb von YLE wird aus einem Fonds finanziert, der sich ausschließlich aus den allgemeinen Rundfunkgebühren und Einnahmen aus Lizenzen für den Sendebetrieb privater Anbieter speist; das Programm ist somit werbefrei. Schon mit der Einführung regelmäßiger Fernsehsendungen durch die YLE im Jahr 1957 wurde zugleich Finnlands erster werbefinanzierter Privatsender ins Leben gerufen, aus dem sich das heutige MTV3 entwickelte, seit 1997 gibt es mit Nelonen einen weiteren landesweit empfangbaren Privatsender. Die ersten Lizenzen für private Radiosender wurden erst in den 1980er Jahren erteilt. Seit dem 1. September 2007 werden sämtliche Fernsehkanäle in Finnland ausschließlich digital ausgestrahlt.[112]

Sport

Finnland gilt als sehr sportbegeistertes Land, sowohl was den Breitensport als auch das Zuschauerinteresse angeht. Rund 1,1 Millionen Finnen (über ein Fünftel der Bevölkerung) sind Mitglieder von Sportvereinen.[113] Populäre Sportveranstaltungen erreichen im finnischen Fernsehen regelmäßig Zuschauerzahlen von bis zu 1,4 Millionen.[114]

Paavo Nurmi (hier in Antwerpen) war einer der erfolgreichsten Leichtathleten aller Zeiten

Erfolge bei sportlichen Wettkämpfen sind für die Finnen ein wichtiger Teil ihrer nationalen Identität. Erfolgreiche Sportler werden als Nationalhelden angesehen. Vor allem in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts waren finnische Leichtathleten erfolgreich. Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris belegte Finnland gar den zweiten Platz im Medaillenspiegel. Paavo Nurmi, der „fliegende Finne“, ist mit neun Goldmedaillen einer der erfolgreichsten Athleten der Olympia-Geschichte. Ihm wird nachgesagt, er habe „Finnland auf die Weltkarte gelaufen“ – eine Aussage, die die Bedeutung von sportlichen Erfolgen für das Selbstbewusstsein der damals noch jungen Nation verdeutlicht. Bis in die heutige Zeit erfolgreich sind insbesondere Speerwerfer wie der Weltmeister von 2007 Tero Pitkämäki. Besonders ausgeprägt ist von jeher die sportliche Rivalität zum Nachbarland Schweden, die sich im Stellenwert des jährlich ausgetragenen finnisch-schwedischen Länderkampfes widerspiegelt.

Ein Meilenstein der finnischen Sportgeschichte waren die Olympischen Sommerspiele 1952 in Helsinki. Ursprünglich sollte Helsinki bereits die Spiele 1940 austragen, die aber wegen des Zweiten Weltkrieges abgesagt werden mussten. Dieses internationale Ereignis war für das kleine Land, das sich gerade erst von den Kriegsfolgen erholte, eine Möglichkeit, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Der Sport wird oft auch als Verkörperung der sogenannten finnischen Nationaltugend sisu (etwa: „Beharrlichkeit“, „Ausdauer“) angesehen. Ein gerne genanntes Beispiel ist der viermalige Olympiasieger Lasse Virén, der bei den Olympischen Spielen 1972 in München trotz eines Sturzes mit Weltrekordzeit die Goldmedaille über 10.000 Meter gewann. Entsprechend groß war der Schock nach dem Dopingskandal bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft 2001 in Lahti, als sich herausstellte, dass die finnischen Skilangläufer systematisch gedopt hatten.

Neben der Leichtathletik besitzen insbesondere Wintersportarten eine lange Tradition. Im Skilanglauf konnte Finnland unter anderen mit Veikko Hakulinen, Eero Mäntyranta, Marja-Liisa Kirvesniemi und Mika Myllylä immer wieder Olympiasieger und Weltmeister stellen. In den letzten Jahren konnten Skispringer wie Janne Ahonen und Matti Hautamäki an die Erfolge von Matti Nykänen und Toni Nieminen anknüpfen.

Eishockey ist die populärste Mannschaftssportart in Finnland

Die populärste Mannschaftssportart ist Eishockey. Spieler wie Teemu Selänne, Saku Koivu und Jere Lehtinen sind Stars in der NHL. Die finnische SM-liiga gehört zu den europäischen Spitzenligen. Der größte Erfolg der finnischen Eishockeynationalmannschaft war der Gewinn der WM 1995. Als finnischer Nationalsport gilt indes das im Ausland weitgehend unbekannte Pesäpallo (Finnisches Baseball), das allerdings im Zuschauerinteresse klar hinter dem Eishockey liegt.[115] Fußball hat in Finnland keine besondere Tradition. Die finnische Fußballnationalmannschaft konnte sich noch nie für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifizieren. Jedoch spielen einige finnische Fußballer wie Jari Litmanen, Sami Hyypiä und Mikael Forssell erfolgreich im Ausland und haben damit die Beliebtheit der Sportart in Finnland gesteigert. Erfolgreicher ist die Nationalmannschaft der Frauen, die bei der Europameisterschaft 2005 überraschend das Halbfinale erreichte.

Sehr populär ist in Finnland der Motorsport. Formel-1-Rennen erreichen dank der Weltmeister Kimi Räikkönen oder zuvor Mika Häkkinen und Keke Rosberg regelmäßig hohe Einschaltquoten. Rallye gilt als finnische Domäne, das Land brachte bisher fast die Hälfte aller Rallye-Weltmeister hervor.

Feiertage

Gesetzliche Feiertage in Finnland[116]
1.1.Neujahr
6.1.Epiphanias (loppiainen)
(wechselnd)Karfreitag
(wechselnd)Karsamstag
(wechselnd)Ostersonntag
(wechselnd)Ostermontag
1.5.Maifeiertag (vappu)
(wechselnd)Himmelfahrt
(wechselnd)Pfingsten
19.-25.6. (Fr.)Vorabend von Mittsommer
20.-26.6. (Sa.)Mittsommerfest (juhannus)
1. So. im Nov.Allerheiligen
6.12.Unabhängigkeitstag
24.12.Heiligabend
25.12.Weihnachtsfeiertag
26.12.Stephanstag

Der Nationalfeiertag Finnlands ist der 6. Dezember, das Datum der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1917. Der Unabhängigkeitstag ist mit Ritualen patriotischer Natur wie etwa dem Besuch von Kriegsgräbern verbunden. Am Abend findet im Präsidentenpalais ein festlicher Empfang statt, zu dem Würdenträger und Prominente aller Art eingeladen sind. Der Empfang des Präsidenten wird mit großem Interesse verfolgt, seine Fernsehübertragung erzielt regelmäßig die höchsten Einschaltquoten des Jahres.[117]

Das Weihnachtsfest ist auch in Finnland das wohl wichtigste Fest des Jahres und beginnt am 24. Dezember um 12 Uhr mittags mit der Verkündigung des „Weihnachtsfriedens“ in Turku, einer jahrhundertealten, heute im Fernsehen übertragenen Zeremonie. Weihnachten wird traditionell im Kreise der Familie verbracht. Bei Einbruch der Dämmerung besucht man Familiengräber, danach folgt die „Weihnachtssauna“ und ein Festmahl, zu dem bestimmte Traditionsspeisen wie Schinken und verschiedene Aufläufe gehören. Die Bescherung übernimmt am Abend der Weihnachtsmann, der dem finnischen Volksglauben nach am Berg Korvatunturi in Lappland lebt. Den ersten Weihnachtsfeiertag verbringt man eher beschaulich, am 26. Dezember, dem Stephanstag, können Besuche abgestattet werden. Die Weihnachtszeit endet mit dem 6. Januar (loppiainen).

Das Osterfest wird mit Bräuchen wie dem Bemalen von Ostereiern ähnlich begangen wie im Rest Europas. Zu Ostern verkleiden sich Kinder als Hexen und sammeln mit Weidenzweigen in der Hand von Tür zu Tür gehend Süßigkeiten. In dieser noch sehr jungen Tradition verbinden sich Elemente eines als virpominen bekannten orthodoxen Palmsonntags-Rituals aus Ostfinnland mit der finnlandschwedischen Tradition der Osterhexen. Die traditionelle finnische Osterspeise ist mämmi, ein aus Roggenmalz hergestellter Brei.

Mittsommerfeuer auf Seurasaari

Am Samstag nach der Sommersonnenwende, wenn es in Finnland kaum oder gar nicht dunkel wird, feiert man das Mittsommerfest. Wenn auch juhannus, der finnische Name des Mittsommerfestes, auf Johannes den Täufer hinweist, sind die Riten der Feier größtenteils heidnischen Ursprungs. So entzündet man Mittsommerfeuer (juhannuskokko), die Häuser werden mit Birkenzweigen geschmückt. Das Mittsommerbrauchtum der schwedischsprachigen Regionen weicht von dem der finnischsprachigen ab, dort stellt man einen Mittsommerbaum (ähnlich dem Maibaum in Mitteleuropa) auf. Viele Finnen fahren über das Mittsommerwochenende aufs Land und verbringen das Fest dort in einem Ferienhaus (mökki). Dabei kommt es nicht zuletzt durch übermäßigen Alkoholgenuss regelmäßig zu Todesfällen durch Ertrinken und andere Unfälle: So kamen während des Mitsommerfestes 2009 insgesamt zwölf Menschen ums Leben.[118]

Der 1. Mai wird in Finnland als vappu gefeiert. Er ist nicht nur der Tag der Arbeit sondern vor allem auch der Tag der Studenten. Jeder, der einmal das Abitur gemacht hat, trägt zu vappu seine weiße Studentenmütze. Traditionell setzen die Studenten jedes Jahr um 18 Uhr am Vorabend des Ersten Mai der Statue Havis Amanda im Zentrum Helsinkis eine Studentenmütze auf. Vappu ist ein ausgelassenes Fest: Man feiert, meist mit viel Alkohol, auf den Straßen, in den Parks finden Picknicks und Konzerte statt.

Unabhängig von den gesetzlichen Feiertagen gelten bestimmte Gedenktage als sogenannte „Flaggentage“, an denen die finnische Flagge an den meisten Häusern des Landes gehisst wird. Dazu gehören etwa der „Tag der finnischen Kultur“ am 28. Februar, dem Erscheinungsdatum des finnischen Nationalepos Kalevala, der als „Tag der finnischen Sprache“ begangene Todestag des Reformators Mikael Agricola am 9. April, der „Tag des Finnentums“ am Geburtstag von Johan Vilhelm Snellman am 12. Mai, aber auch der „Tag des Schwedentums“ am 6. November, dem Todestag des schwedischen Königs Gustav II. Adolf.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. International Monetary Fund, World Economic Outlook Database, April 2008
  2. Suomen Järvet – Finnisches Umweltministerium.
  3. M. Raatikainen und E. Kuusisto: The Number and Surface Area of the Lakes in Finland. In: Terra. Bd. 102, Nr. 2, S. 97–110. 
  4. Kalevi Rikkinen: A Geography of Finland. University of Helsinki, Lahti Research and Training Centre, Lahti 1992, S. 31. 
  5. Esko Kuusisto: Lake District in Finland. In: Matti Seppälä (Hrsg.): The Physical Geography of Fennoscandia. Oxford University Press, Oxford 2005, S. 286. 
  6. Kuusisto: Lake District in Finland. S. 283. 
  7. Industrial Minerals and Rocks – Geologische Forschungszentrale Finnlands.
  8. Finnish Meteorological Institute: Climate in Finland (englisch).
  9. a b Finnish Meteorological Institute: The Seasons (englisch).
  10. a b Ilmatieteen laitos: Suomen ja maapallon sääennätyksiä (finnisch).
  11. Ilmatieteen laitos: Talven lumista ja lumisuudesta (finnisch).
  12. a b Virtual Finland: Die Natur und Landschaft Finnlands
  13. Zentralverband der Jäger (finnisch).
  14. Ekkehard Militz: Finnland. S. 67. 
  15. Metla (Finnisches Institut für Waldforschung).
  16. borealforest.org: Finland – Forests and Forestry.
  17. Stand 2004, Quelle: Forschungsinstitut für Wild- und Fischwirtschaft (finnisch).
  18. Juhana Aunesluoma, Esko Heikkonen, Matti Ojakoski: Lukiolaisen yhteiskuntatieto, Helsinki 2006. (Finnisch)
  19. Finnische Statistikzentrale.
  20. Finnisches Sozial- und Gesundheitsministerium [1].
  21. Finnische Statistikzentrale.
  22. Finnische Statistikzentrale.
  23. virtual.finland.fi: Finland – A Land of Emigrants.
  24. Jan Saarela: Muuttoliiketutkimuksessa otetaan kansainvälisiä edistysaskeleita.
  25. Finnische Statistikzentrale.
  26. § 17 Abs. 1 des finnischen Grundgesetzes (731/1999).
  27. Verordnung des Staatsrates betreffend die sprachliche Einteilung der Amts- und Selbstverwaltungsbezirke 2003–2012 (1174/2002).
  28. Samisches Sprachgesetz (1086/2003).
  29. Finnisches Sozial- und Gesundheitsministerium www.stm.fi/….
  30. Als Unterrichtssprache anerkannt in § 10 des Grundlehregesetzes (628/1998).
  31. Finnische Statistikzentrale.
  32. Finnische Statistikzentrale.
  33. Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands.
  34. International Religious Freedom Report 2004 (U.S. State Department).
  35. Luentosarja lestadiolaisuudesta, 8. März 2000.
  36. Finnish Orthodox Church.
  37. National Minorities of Finnland: The Old Russians.
  38. www.vaestorekisterikeskus.fi Volksregister
  39. Jüdische Gemeinde Helsinki.
  40. The Academy of Finland: Muslims and Religious Equality in Finland.
  41. Vaalit 2007 tulospalvelu – Koko maa – Puolueiden kannatus
  42. Wahlseite des Justizministeriums
  43. Die Verfassung der Gemeinde ist geregelt im Gemeindegesetz (Kuntalaki) von 1995 (365/1995). Siehe hier insbesondere §§ 1, 5, 9, 23 und 24.
  44. Provinzverwaltungsgesetz (Lääninhallituslaki) von 1997 (22/1997), insbesondere §§ 1-4.
  45. Gesetz zur Landschaftseinteilung (Maakuntajakolaki, 1159/1997), Beschluss des Staatsrates über die Landschaften (Valtioneuvoston päätös maakunnista, 147/1998), Gesetz über den Verwaltungsversuch in Kainuu (Laki Kainuun hallintokokeilusta, 343/2003)
  46. Klaus Törnudd: Finnish Neutrality During the Cold War. In: SAIS Review of International Affairs vol. XXXV no. 2 2005. S. 46
  47. defmin.fi
  48. Länderinformationen des Auswärtigen Amts
  49. defmin.fi
  50. defmin.fi
  51. virtual.finland.fi
  52. U.S. State Department
  53. Finnish Defence Forces: Continuous Training
  54. Mitteilung der Volksrentenanstalt KELA
  55. Vgl. Mitteilung des Gesundheitsbezirks Mittelfinnland.
  56. Information des finnischen Gemeindeverbandes
  57. Employment Rates by Gender aus dem OECD Factbook
  58. Finnische Statistikzentrale
  59. Finnische Statistikzentrale
  60. Regierungsstellungnahme im Parlament vom 23.11.2006
  61. Virtual Finland: Naturschutz – ein weites Arbeitsfeld.
  62. Finnisches Umweltministerium (engl.)
  63. United Nations Framework Convention on Climate Change (2006): GHG Data 2006 – Highlights from Greenhouse Gas (GHG) Emissions Data for 1990–2004 for Annex I Parties, online (PDF)
  64. Wirtschaftspolitk Finnland – Energiesektor, Information des Auswärtigen Amtes.
  65. Kunnat.net: Ammatillinen koulutus
  66. Jouni Välijärvi u.a., The Finnish Success in PISA – and some Reasons Behind It. Universität Jyväskyla, 2002. ISBN 951-39-1377-5.
  67. Koululaisten aamu- ja iltapäivätoiminnan järjestäminen – Bericht einer Arbeitsgruppe des finnischen Bildungsministerium aus dem Jahr 2002, Seite 7.
  68. So ausdrücklich die Gesetzesvorlage zur Reform des Grundschulgesetzes HE 57/2003, S. 12
  69. § 4 Abs. 4 des Grundschuldungsgesetzes (628/1998).
  70. siehe auch die Kampagnenseite http://www.pakkoruotsi.net
  71. Rede der Bildungsministerin Tuula Haatainen, wiedergegeben auf der Internetseite der Universität Kuopio.
  72. Aktionsprogramm zur Verkürzung der Studiendauern. Arbeitsgruppenvermerke und Untersuchungen des Bildungsministeriums 2003:27
  73. Eurostat News Release
  74. Finnische Statistikzentrale
  75. Finnische Statistikzentrale.
  76. Information der finnischen Botschaft in Stockholm
  77. a b Finnische Statistikzentrale
  78. Bundesamt für Außenwirtschaft Finnlands Papierindustrie wächst international
  79. Finnisches Landwirtschaftministerium
  80. Forschungsinstitut für Wild- und Fischwirtschaft (finn.)
  81. Finnische Statistikzentrale
  82. borealforest.org
  83. Internetseite des Ministeriums.
  84. Siehe z. B. Greenpeace Finnland.
  85. Finnische Statistikzentrale.
  86. a b c Finnische Straßenverwaltung: Straßenstatistik 2006 (finn./schwed./engl.)
  87. Finnische Straßenverwaltung: Tieverkko (finn.)
  88. Finnische Straßenverwaltung: Sillat (finn.)
  89. Finnische Straßenverwaltung: Lautat (finn.)
  90. Finnische Straßenverwaltung: Jäätiet oikaisevat talvista matkaa (finn.)
  91. Stand 2007, Finnische Bahnverwaltungszentrale (englisch)
  92. Ratahallintokeskus – Finnische Schienennetzverwaltung
  93. Karelian Trains orders high-speed trains for Helsinki-St Petersburg route Pressemitteilung der VR-Yhtymä Oy, 6. September 2007
  94. Finnische Bahnverwaltungszentrale: Direct Line from Kerava to Lahti (englisch)
  95. Finnischer Hafenverband
  96. CIA World Factbook
  97. finavia.fi – Finnische Flughafenverwaltung
  98. Petri Lassila: Geschichte der finnischen Literatur. (Übers. Stefan Moster). Franke, Tübingen und Basel 1996. S. 19
  99. Lassila, S. 64, 71
  100. Lassila: S. 57 f.
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  102. Lassila, S. 190
  103. Tim Howell: After Sibelius: Studies in Finnish Music. Ashgate, Aldershot 2006. S. xii.
  104. Finnische Filmstiftung (finn./engl.)
  105. Stand 2005, Finnische Filmstiftung (finn./engl.)
  106. Stand: November 2006. Quelle: Finnische Filmstiftung [2], [3] (finn.)
  107. Reporters sans frontières: Classement mondial de la liberté de la presse 2006
  108. World Information Society Report, 3rd online version. ITU: Genf 2007.
  109. The Digital Divide Report: ICT Diffusion Index 2005. Vereinte Nationen: New York und Genf 2006.
  110. Share of Internet users grew during the year Pressemitteilung des Statistikzentrums Finnland, 11. Dezember 2006
  111. Sanomalehtien liitto (Finnischer Zeitungsverband]
  112. Informationsseite digitv.fi (Englisch)
  113. Suomen liikunta ja Urheilu [4] (engl.)
  114. Finnpanel (finn.)
  115. MTV3 (finn.)
  116. Nach § 4 des Jahresurlaubsgesetzes (162/2005) und § 4 Abs. 3 des Kirchengesetzes (1054/1993)
  117. Im Jahr 2005 2,276 Millionen Zuschauer; Quelle: finnpanel.fi
  118. Helsingin Sanomat 21. Juni 2006: Juhannuksen aikaan kuollut 12 ihmistä (finn.)

Literatur

  • Olli Alho (Hrsg.): Kulturlexikon Finnland. Finnische Literaturgesellschaft, Helsinki 1998, ISBN 951-717-032-5 (formal falsche ISBN).
  • Ingrid Bohn: Finnland – Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Friedrich Pustet, Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1910-6
  • Astrid Feltes-Peter: Baedeker Allianz-Reiseführer Finnland. 2. Auflage. Karl Baedecker GmbH, Ostfildern 2002, ISBN 3-89525-478-9.
  • Matti Klinge: Geschichte Finnlands im Überblick. 4. überarbeitete Auflage. Otava, Helsinki 1995, ISBN 951-1-13822-7.
  • Ekkehard Militz: Finnland. Aus der Reihe Perthes Länderprofile. Klett-Perthes, Gotha und Stuttgart 2002, ISBN 3-623-00698-X.
  • Pentti Virrankoski: Suomen historia (Geschichte Finnlands in zwei Bänden, finnischsprachig). SKS, Helsinki 2001, ISBN 951-746-321-9.
  • OECD Territorial Reviews Finland. OECD Publishing 2005. [Vollansicht bei Google Book Search]

Weblinks zu

 Commons: Finnland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Finnland – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
 Wikimedia-Atlas: Finnland – geographische und historische Karten

63.425.85Koordinaten: 63° N, 26° O

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Irokesen

Sonntag, 23. August 2009
Die fünf Nationen der Irokesen, circa 1650.
Irokesen 1914 in Buffalo, New York

Die Irokesen (auch bekannt als Five Nations bzw. Six Nations, in Deutsch auch Fünf/Sechs Nationen) sind ein Völkerbund aus zuerst fünf und später sechs sprachverwandten Völkern nordamerikanischer Ureinwohner. Sie selbst nennen sich Haudenosaunee, zu Deutsch Völker des Langhauses. Heute leben die meisten der etwa 75.000 Irokesen in Ontario und im Staat New York. Andere Irokesen leben in Wisconsin, Québec und Oklahoma. Nur eine kleine Minderheit spricht noch eine der Irokesischen Sprachen, darunter ungefähr 2.000 Mohawksprecher, die größtenteils im Reservat Kahnawake bei Montreal leben.

Inhaltsverzeichnis

Name

Das Wort „Irokesen“ (engl./fr. Iroquois) wird vermutlich von hiro kone („ich habe gesagt“ in einer der irokesischen Sprachen) gewandelt. Am Ende jeder Rede würden sie „hiro kone“ sagen. Andere glauben, dass das Wort Irokesen auf eine französische Abart eines Schimpfnamens zurückführt, der „Schwarze Schlangen“ bedeutet. Wegen der Rivalitäten im Pelzhandel waren die Irokesen Feinde der Wyandot und der Algonquin, die mit den Franzosen verbündet waren.

Das auch verwendete Wort Haudenosaunee bedeutet „Menschen, die ein langes Haus bauen“ und es wird erzählt, dass der Große Friedensstifter den Namen zur Zeit des Zusammenschlusses der Völker des Bundes einführte. Es impliziert, dass die Nationen des Bundes wie Familien in denselben Langhäusern zusammenleben sollen. Die Seneca waren die Wächter der westlichen Tür des symbolischen Stammeslanghauses, dementsprechend die Mohawk die Wächter der östlichen Tür. Ihr Siedlungsgebiet erstreckte sich vom Südufer des Sankt-Lorenz-Strom bis zum Hudson und westlich über den Eriesee hinaus.

Geschichte

Überlieferungen zufolge sind die Irokesen aus dem unteren Mississippi entlang des Ohio eingewandert. Erstmals sind die Irokesen um das Jahr 1000 nachweisbar.

Der Irokesenbund (auch: Irokesenliga) war ein Völkerbund aus den sechs Nationen der Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Onodowohgah (Seneca) und Tuscarora. In der englischen Literatur werden sie als Iroquois proper (”eigentliche Irokesen”) bezeichnet. Die Bezeichnung “Five Nations” stammt aus der Zeit, als der Bund aus fünf Völkern bestand.

Zwischen 1350 und 1600 waren die Stämme der Irokesen untereinander verfeindet, wurden aber im 16. Jahrhundert, vermutlich um 1570, durch den Propheten Deganawidah und Häuptling Hiawatha vereint. Diese benutzten eine politisch vorteilhafte Verfassung, das Große Gesetz des Friedens, um die Stämme zu vereinen. Die Onondaga sträubten sich lange gegen den Beitritt zur Irokesenliga und rangen ihr dabei bedeutende Privilegien ab. Der Rat der Liga, bestehend aus 50 Häuptlingen, war Vorbild für das amerikanische Regierungssystem.

1623 wurde der niederländische Handelsposten Fort Orange auf dem Territorium der Mohawk gegründet. Im 17. Jahrhundert vernichtete der Bund im Zuge der Biberkriege die Wyandot, Tionontati und Erie. Die Tuscarora stießen erst 1722 zu den Fünf Nationen (danach Sechs Nationen), nachdem sie von europäischen Siedlern aus North Carolina vertrieben worden waren.

Im Französisch-Indianischen Krieg (1756-1763) zwischen Briten und Franzosen standen die Irokesen auf Seiten der Briten. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg spalteten sich die Irokesen in Oneida und Tuscarora (die sich auf die Seite der Amerikaner stellten) und den restlichen Bund (der für die Briten kämpfte). Eine amerikanische Strafexpedition zerstörte 1779 eine wichtige Siedlung der Irokesen und brach ihren Widerstand.

Im zweiten Vertrag von Fort Stanwix löste sich die Liga 1784 auf. Die Onondaga, Seneca und Tuscarora blieben in New York, während die Mohawk und Cayuga nach Kanada gingen. Die Oneida ließen sich in Wisconsin nieder.

Noch im Zweiten Weltkrieg sahen sich die Irokesen als eigenes Volk, das dann auch alleine dem Dritten Reich den Krieg erklärte, aber nicht mit den USA kooperieren wollte.

Kultur und Bedeutung der Irokesen

Ihre freiheitliche Verfassung soll derjenigen der Vereinigten Staaten Pate gestanden haben. Auch auf das europäische Denken der Aufklärung hatte sie Einfluss (Johann Gottfried Herder, „Die große Friedensfrau der Irokesen“) und auch bei Friedrich Engels nimmt sie in dessen Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ eine wichtige Stellung ein (beeinflusst wiederum von BachofensMutterrecht“) .

Traditionell besteht jede Nation aus mehreren Klans, denen jeweils eine gewählte Klanmutter vorsteht. Jeder Klan konnte bis zu drei Abgeordnete in die Ratsversammlung der Irokesen schicken. Die Gesellschaft war demokratisch organisiert, das Individuum genoss erstaunliche Freiheiten. Das Verwandtschaftssystem ist matrilinear, die Lebensweise matrilokal.

Die Irokesen haben eine starke, für Einzelpersonen kaum durchbrechbare geschlechtliche Arbeitsteilung. So sind die Frauen für die Häuser und die Landwirtschaft zuständig, während die Männer der Jagd und anderen Aufgaben nachgehen, die ein Verlassen des Klanlandes erforderlich machen.

Die Irokesen lebten hauptsächlich von Mais. Sie kannten Dutzende verschiedener Maisarten. Dies machte sie unabhängig vom Jagdglück und erlaubte eine relativ sesshafte Lebensweise. Es war aber auch eine ständige Gefahr, denn gelang es den Feinden, die Maisfelder zu zerstören, brach das Wirtschaftssystem der Haudenosaunee zusammen. Neben dem Mais verpflegten sie sich mit Squash-Kürbis, Bohnen und Wildfrüchten, die sie oft zusammen anpflanzten. Der Sinn dahinter war die “Ergänzung” der einzelnen Pflanzensorten: “Der Mais wächst schnell nach oben, die Blätter des Kürbisses bewahren den Boden vor dem Austrocknen, die Bohne kann an der Maisstaude emporranken.” Die Jagd vervollständigte die Speisekarte mit Fleisch.

Die Irokesen lebten in mit Palisadenzäunen befestigten Dörfern, die aus bis zu hundert Langhäusern bestanden. Nach etwa zehn bis fünfzehn Jahren, wenn der Boden und der Wald nicht mehr die gewünschten Ernte- und Jagderträge brachten, zogen die Bewohner zu einem neuen Gelände.

Ein besonderes kulturelles Merkmal der Haudenosaunee sind die Medizinbünde.

Irokesen heute

Von den heute etwa 75.000 Irokesen sprechen noch etwa 5% eine der alten Sprachen.

NationPopulationSpracheSprecherAnteil
Cayuga10.000Goyogo̱hó:nǫ’620,62%
Mohawk35.000Kanien’keha3.4339,81%
Oneida14.000Onʌyota’a:ka1601,14%
Onondaga1.200Onǫda’géga’171,42%
Seneca15.000Onödowága250,17%
Tuscarora1.000Skarù∙rę’121,20%
alle Irokesen76.200Rotinonhsón:ni (ohne Tsalagi)3.7094,86%

Siehe auch

 Commons: Category:Iroquois – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Berühmte Irokesen

  • Graham Greene: Oneida aus Kanada, Schauspieler (Der mit dem Wolf tanzt, Clearcut, u.v.a.)
  • Ely Samuel Parker: Seneca-Häuptling und General der Nordstaaten-Armee im Bürgerkrieg
  • Joseph Brant: Mohawk-Häuptling und Verbündeter der Briten
  • Hiawatha: Mohawk-Häuptling, von den Onondaga vertrieben, gilt als Gründer des Irokesenbunds

Literatur

  • José Antonio Brandào: “Your fyre shall burn no more”. Iroquois Policy toward New France and its Native Allies to 1701. Lincoln u.a. 1997.
  • Willam N. Fenton: The Great Law and the Longhouse: a political history of the Iroquois Confederacy. (The civilization of the American Indian series, 223).University of Oklahoma Press, Norman 1998
  • Heinz Lippuner: Demokratie aus indianischer Hand? Unsere Bundesverfassung und das Great Law of Peace der Irokesen-Konföderation. Aus Kleine Schriften des Museumsvereins Schaffhausen 99/5.
  • Eva Lips: Nicht nur in der Prärie. Edition Leipzig, Leipzig 1974
  • Egon Renner, Boris Kruse: Die irokesische Konföderation im 17. Jahrhundert. Gesellschaft, Kriegführung und Politik. In: Magazin für Amerikanistik 1/2004 – 2/2004. Verlag für Amerikanistik, Wyk auf Föhr 2004.
  • Irene Schumacher: Gesellschaftsstruktur und Rolle der Frau. Das Beispiel der Irokesen. (Soziologische Schriften; 10) Duncker & Humblot, Berlin 1972.
  • Dean R. Snow: The Iroquois. Blackwell Publishers, Oxford 1994.
  • Thomas Wagner: Irokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation. Lit-Verlag, Münster 2004

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Peter Sloterdijk

Samstag, 22. August 2009
Peter Sloterdijk bei einer Lesung aus seinem Buch Du mußt dein Leben ändern

Peter Sloterdijk [ˈsloːtɐˌdaɪk] (* 26. Juni 1947 in Karlsruhe) ist ein deutscher Philosoph, Fernsehmoderator, Kulturwissenschaftler und Essayist.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Seine Mutter, eine Deutsche, lernte seinen Vater, einen Niederländer, in den Nachkriegswirren kennen. Die Ehe hielt nicht lange, und so wuchs Sloterdijk schon früh „ohne prägendes väterliches Element“ auf, wie er Kindheit und Herkunft seines Namens in Interviews selbst kommentierte. Von 1968 bis 1974 studierte er in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. Bereits 1971 erstellte Sloterdijk seine Magisterarbeit mit dem Titel Strukturalismus als poetische Hermeneutik. In den Jahren 1972/73 folgten ein Essay über Michel Foucaults strukturale Theorie der Geschichte sowie eine Studie mit dem Titel Die Ökonomie der Sprachspiele. Zur Kritik der linguistischen Gegenstandskonstitution. Im Jahre 1976 wurde Peter Sloterdijk aufgrund seiner von Professor Klaus Briegleb betreuten Doktorarbeit zum Thema Literatur und Organisation von Lebenserfahrung. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte der Autobiographie der Weimarer Republik 1918–1933 durch den Fachbereich Sprachwissenschaften der Universität Hamburg promoviert. Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho) im indischen Pune auf; er beschreibt die Umstimmungserfahrung, die er dort erlebt hat, als eine „irreversible“, ohne die seine Schriftstellerei nicht zu denken wäre.[1]

Seit den 1980er Jahren arbeitet Sloterdijk als freier Schriftsteller. Das 1983 im Frankfurter Suhrkamp Verlag publizierte Buch Kritik der zynischen Vernunft zählt zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Sloterdijk entwickelte 1989 den Begriff Eurotaoismus und erarbeitete eine Kritik der politischen Kinetik.

Im Jahr 1988 übernahm Sloterdijk eine Gastdozentur am Lehrstuhl für Poetik der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Von 1992 bis 1993 hatte er den Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe inne. Zudem wurde Sloterdijk 1993 Leiter des Institutes für Kulturphilosophie an der Akademie der bildenden Künste in Wien, bis er schließlich 2001 eine Vertragsprofessur am Ordinariat für Kulturphilosophie und Medientheorie in Wien übernahm. Daneben war er Gastdozent am Bard College, Annandale-on-Hudson, New York, am Collège international de philosophie, Paris, am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, Zürich. Seit 2001 ist Sloterdijk in Nachfolge von Heinrich Klotz Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie dort Professor für Philosophie und Ästhetik.

Im Zuge seiner regen Vortragstätigkeit im In- und Ausland erhöhte sich sein Bekanntheitsgrad. Seit 2002 moderiert er – zusammen mit Rüdiger Safranski – die Gesprächsrunde Im Glashaus: Das Philosophische Quartett im ZDF.

Werke

Der Durchbruch als philosophischer Autor gelang Sloterdijk mit der Kritik der zynischen Vernunft aus dem Jahr 1983. Die Regeln für den Menschenpark erregten 1999 eine heftige öffentliche Debatte. Man warf dem Autor der Rede vor, ein Plädoyer für eine faschistoide Züchtungsideologie gehalten zu haben. In den Jahren um die Jahrtausendwende ist sein „Opus Magnum“, die Sphären-Trilogie (1998/1999), entstanden. Seine Werke erscheinen vorwiegend im Suhrkamp Verlag.

Im Essay Gottes Eifer[2] von 2007 vergleicht Sloterdijk die drei großen monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Dabei führt der Autor sie auf ihre abrahamitischen Wurzeln zurück und beschreibt, was sie voneinander trennt und worin sich die Glaubensinhalte unterscheiden. Er geht der Frage nach, welche politisch-sozialen und psychodynamischen Voraussetzungen die Entstehung des Monotheismus bedingten. Das Judentum emanzipierte sich zuerst gegen den Polytheismus der Ägypter, Hethiter und Babylonier und behauptete sich als Protesttheologie des „Triumphs in der Niederlage“. Während die Religion des Judentums auf das eigene Volk begrenzt blieb, modifizierte das Christentum mit seiner apostolischen Botschaft auch vorhandene Naturreligionen und bezog sie in ihren universalen Verkündigungsgehalt mit ein. Der Islam verschärfte den offensiven Universalismus zum militärisch-politischen Expansionsmodus. Sloterdijk kommt nun zu der Annahme, dass die große Gemeinsamkeit der drei Religionen die „eifernde“ und „einwertige“ Ausprägung ihres Anspruchs auf die Gotteswahrheit sei. Dies führe zwingend zu einer konfrontativen Grundkonstellation, die unsere Gegenwart in bisher nicht gekanntem Maß bestimme. Die Reaktionen auf die gegenseitigen Angriffe und die von außen seien unterschiedlich: Für das Judentum wurde ein souveränistischer Separatismus mit defensiven Zügen prägend, für das Christentum die Expansion durch Mission und für den Islam der Heilige Krieg. Diese Konflikte würden durch den menschlichen Todestrieb verstärkt und seien damit schwer zu lösen. Sloterdijk geht dabei davon aus, dass der Glaube eine anthropologische Grundkonstante ist. Er wirft im weiteren die Frage auf, ob und wie die Religionen auf einen „zivilisatorischen Weg“ geführt werden können, um ihr geistiges Potential nutzbar zu machen.

In der Gegenwart seien die drei Religionen aufgefordert, so demonstriert Sloterdijk anhand einer Neuinterpretation von Lessings Ringparabel, von Eifererkollektiven zu Parteien einer Zivilgesellschaft zu werden. [3]

Chronologisches Werkverzeichnis

Als Herausgeber

  • Vor der Jahrtausendwende: Berichte zur Lage der Zukunft, 2 Bände Suhrkamp (es 1550), Frankfurt am Main 1990, ISBN 978-3-518-11550-3.
  • Mystische Zeugnisse aller Zeiten und Völker (nach Martin Bubers Sammlung Ekstatische Konfessionen von 1909), Diederichs, München 1993.
  • Weltrevolution der Seele. Ein Lese- und Arbeitsbuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart (mit Thomas Macho), 2 Bände Artemis & Winkler, München/Zürich 1993.
  • Philosophie jetzt! (20-bändige Reihe mit Porträts und Werkauszügen berühmter Denker von Platon bis Foucault), Diederichs, München 1995ff.

Auszeichnungen (Auswahl)

Literatur

  • Peter Sloterdijk: Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 978-3-518-11297-7 (edition suhrkamp, Bd. 1297).
  • Becker, Dirk Michael: Botho Strauß: Dissipation. Die Auflösung von Wort und Objekt. Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 978-3-89942-232-0.
  • Dobeneck, Holger von: Das Sloterdijk-Alphabet. Kritisch-lexikalische Einführung in seinen Ideenkosmos. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002; 2. stark erweiterte Auflage 2006, ISBN 978-3-8260-2784-0.
  • Noll, Wulf: Sloterdijk auf der ‘Bühne’. Zur philosophischen und zur philosophiekritischen Positionsbestimmung des Werkes von Peter Sloterdijk im Zeitraum von 1978–1991. Blaue Eule, Essen 1993, ISBN 978-3-89206-548-7.
  • Tuinen, Sjoerd van: Peter Sloterdijk. Ein Profil. UTB/Fink, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8252-2764-7 (UTB, Bd. 2764).
  • Hemelsoet/Jongen/van Tuinen: Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2009, ISBN 978-3-7705-4747-0.

Quellen

  1. taz-Interview vom 13. Juni 2006; Auszug aus einem Gespräch P. Sloterdijks mit Hans-Jürgen Heinrichs
  2. Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen. Frankfurt a.M.(Insel) 2007
  3. DLF: „Die angebliche Renaissance der Religion“, Gespräch mit Klaus Englert über Gottes Eifer, 17. Januar 2008
  4. Mendelssohn-Preis 2008. Abgerufen am 10. Februar 2009.

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Meditation

Samstag, 22. August 2009
Meditierender Buddha: linke Hand zum Himmel, rechte Hand zur Erde geöffnet: Symbol für „die Mitte“.

Meditation (lateinisch meditatio = „zur Mitte ausrichten“ von lateinisch medius = „die Mitte“; auch in der Bedeutung „das Nachdenken über“) ist eine in vielen Religionen und Kulturen geübte spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln. In östlichen Kulturen gilt sie als eine grundlegende und zentrale bewusstseinserweiternde Übung. Die angestrebten Bewusstseinszustände werden, je nach Tradition, unterschiedlich und oft mit Begriffen wie Stille, Leere, Panorama-Bewusstsein, Eins-Sein, im Hier und Jetzt sein oder frei von Gedanken sein beschrieben.

Inhaltsverzeichnis

Religiöse Wurzeln

Im Buddhismus, Hinduismus und Jainismus ist das höchste Ziel die Erleuchtung oder das Erreichen des Nirwana. In christlichen, islamischen und jüdischen Traditionen ist das höchste Ziel der meditativen Praxis das unmittelbare Erfahren des Göttlichen. Meditation als spirituelle Praxis ist immer auch in unterschiedliche religiöse, psychologische und ethische Lehrgebäude eingebunden. In westlichen Ländern wird die Meditation auch unabhängig von religiösen Aspekten oder spirituellen Zielen zur Unterstützung des allgemeinen Wohlbefindens und im Rahmen der Psychotherapie praktiziert. Im älteren deutschen Sprachgebrauch bezeichnet „Meditation“ einfach ein Nachdenken über ein Thema oder die Resultate dieses Denkprozesses. Meditative Praktiken sind ein wesentlicher Bestandteil vieler Religionen.

Fernöstliche Traditionen

Meditierende indische Jainas

Besonders im Hinduismus, Buddhismus und Taoismus besitzt die Meditation eine ähnliche Bedeutung wie das Gebet im Christentum (vgl. Kontemplation). Als organisierte Überlieferung lässt sich die Meditation am weitesten zu den Upanishaden und in der buddhistischen Tradition in Indien zurückverfolgen. Als Jhana (Sanskrit dhyana) werden verschiedene Zustände der Versenkung beschrieben, worauf sich heute unter anderem das chinesische Chan und das japanische Zen zurückführen lassen. Eine vielfältige und traditionsreiche Form der Meditation entwickelte sich daneben im indischen Yoga (Vorstufe ist die Konzentration). Insbesondere die Sutras im Raja Yoga prägen bis heute viele Techniken wie den Umgang mit dem Atem im Pranayama und die systematische Einteilung der mit der Meditation in Zusammenhang gebrachten Bewusstseinszustände. Innerhalb dieser Traditionen werden mit der Meditation ausnahmslos spirituelle Ziele verfolgt.

Christliche Traditionen

Im mittelalterlichen Christentum wurden die „geistlichen Übungen“ meditatio (gegenständliche Betrachtung) und contemplatio (gegenstandfreie Anschauung, Kontemplation) zur Sammlung des Geistes überliefert. Besonders in den mystischen Traditionen sollte damit der Verstand und das Denken zur Ruhe kommen, um den „einen Urgrund“ freizulegen. Im Mittelalter wurden auch Anweisungen veröffentlicht, wie Die Wolke des Nichtwissens oder die Schriften der Theresa von Avila. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden diese Schriften von der Inquisition verboten und Mystiker verfolgt und gefangengesetzt und die Mystik geriet im Christentum in Verruf der Häresie. Doch finden sich standardisierte Elemente einer meditativen Praxis bis heute in den Exerzitien von Ignatius von Loyola oder einigen benediktischen und franziskanischen Traditionen sowie in der Ostkirche im Hesychasmus. In den evangelischen Landeskirchen spielt das Betrachtende Gebet als Form biblisch-gegenständlicher Meditation inzwischen eine gewisse Rolle. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat mit Wolfgang J. Bittner einen hauptamtlichen Spiritualitätsbeauftragten eingesetzt. [1] Bittner bietet in Verbindung mit der Evangelischen Communität und Geschwisterschaft Koinonia eine dreijährige Meditationsleiterausbildung an, bei der christliche und nichtchristliche Formen der Meditation zum Curriculum gehören.

Techniken

Die Vielfalt der Meditationstechniken ist nicht überschaubar. Die Techniken unterscheiden sich nach ihrer traditionellen religiösen Herkunft, nach unterschiedlichen Richtungen oder Schulen innerhalb der Religionen und oft auch noch nach einzelnen Lehrern innerhalb solcher Schulen. In vielen Schulen werden abhängig vom Fortschritt der Meditierenden unterschiedliche Techniken gelehrt. Neben den traditionellen Meditationstechniken werden vor allem seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts im Westen viele von fernöstlichen Lehren inspirierte und an westliche Bedürfnisse angepasste Meditationsformen angeboten.

Alle Meditationstechniken können als Hilfsmittel verstanden werden, einen vom Alltagsbewusstsein unterschiedenen Bewusstseinszustand zu üben, in dem das gegenwärtige Erleben im Vordergrund steht, frei von gewohntem Denken, vor allem von Bewertungen und von der subjektiven Bedeutung der Vergangenheit (Erinnerungen) und der Zukunft (Pläne, Ängste usw.). Viele Meditationstechniken sollen helfen, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, in dem äußerst klares hellwaches Gewahrsein und tiefste Entspannung gleichzeitig möglich sind.

Man kann die Meditationstechniken grob in zwei Gruppen einteilen:

  • In die passive (kontemplative) Meditation, die im stillen Sitzen praktiziert wird und
  • Die aktive Meditation, bei der körperliche Bewegung, achtsames Handeln oder lautes Rezitieren zur Meditationspraxis gehören.

Die Einteilung bezieht sich nur auf die äußere Form. Beide Meditationsformen können geistig sowohl aktive Aufmerksamkeitslenkung als auch passives Loslassen und Geschehenlassen beinhalten.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter Meditation oft nur die passive Form verstanden, so wie sie in Abbildungen des meditierenden Buddhas symbolisiert wird.


Stille- oder Ruhemeditation

In den christlichen Traditionen gibt es unterschiedliche Anleitungen und Schritte zur Meditation und Kontemplation. Der „Weg zu Gott“ beginnt meist mit dem Studium der Schriften (lectio) und dem Gebet in Worten, gesprochen oder gedacht (oratio). Es folgt die gegenständliche Betrachtung, wo man bei Wenigem verweilt und dies wiederholt betrachtet (meditatio) und führt über zum Gebet der Ruhe, wo auch die Gedanken ruhen (contemplatio), bei der der Adept in die Wolke des Nichtwissens steigt. Das Ziel ist schließlich den meditativen Bewusstseinszustand und das normale Tagesbewusstsein gleichzeitig zu erfahren; es gibt keine Trennung mehr zwischen der vita activa und der vita contemplativa.

Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation

Vipassana und Zazen sind die im Westen bekanntesten passiven Meditationsformen aus den fernöstlichen Traditionen. Die beiden Meditationsformen haben viele Gemeinsamkeiten. Der Meditierende sitzt in einer aufrechten Haltung, die ein harmonisches Verhältnis von Spannung und Entspannung wahrt. Bei den verschiedenen Varianten, auch innerhalb der Meditationsschulen, ist die Grundlage der Übung die vollkommene Achtsamkeit für die geistigen, emotionalen und körperlichen Phänomene im gegenwärtigen Augenblick. Beide Schulen lehren das nicht wertende und absichtslose Gewahrsein im Hier und Jetzt, ohne an Gedanken, Empfindungen oder Gefühlen zu haften. Ziel der Meditation ist die transzendente spirituelle Erfahrung wie sie zum Beispiel im Herz-Sutra als Auflösung jeder Dualität beschrieben wird.

Konzentrationsmeditation

Bei der Samatha-Meditation, die auch Geistesruhe-Meditation genannt wird, konzentriert sich der Übende auf ein einziges Objekt wie zum Beispiel den spürbaren Atem, ein imaginiertes Bild, einen einzigen Gedanken oder ein Mantra. Die konzentrierte Fokussierung auf einen Gegenstand bewirkt eine Ausschaltung bzw. Ersetzung des alltäglichen Gedankenflusses und führt so zu einer tiefen Beruhigung des Geistes.

Die Samatha-Meditation und die Vipassana-Meditation werden manchmal als unterschiedliche eigenständige Meditationsformen beschrieben. Häufig gilt jedoch die Samatha-Meditation als eine Einleitung oder Vorbereitung für die Vipassana-Meditation.

Eine besondere Form der Konzentrationsmeditation findet sich im Namensgebet. Bei diesem Typus werden göttliche Namen als Mantra oder in mantraähnlicher Form verwendet.

Transzendentale Meditation

Transzendentale Meditation (TM) ist eine von dem indischen Lehrer Maharishi Mahesh Yogi (1918-2008) und seinen Organisationen vermittelte Meditationstechnik: aus ihrer Sicht die authentische Meditationstechnik der vedischen Tradition, wiederbelebt von Maharishis Lehrer Brahmananda Saraswati und vereinbar mit allen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen. Weltweit verbreitet wird sie seit Ende der 1950er Jahre. Hilfsmittel der Technik ist ein Wort, ein Mantra, das auf einfache, natürliche und anstrengungslose Weise zu benutzen sei, ohne Zuhilfenahme von Konzentration oder Kontemplation. Bei richtiger Anwendung erfahre der TM-Meditierende tiefe Stille bei gleichzeitig erhöhter Wachheit.[2] Dieser „vierte Hauptbewusstseinszustand“ (neben Wachen, Traum und Tiefschlaf) stabilisiere sich während der Tagesaktivität mit fortschreitender Praxis, eine Entwicklung, die schließlich einmünde in die sinnliche Erfahrung der Einheit von Selbst und Welt („Einheitsbewusstsein“).[3] TM wird zweimal täglich jeweils 15 bis 20 Minuten bequem und aufrecht sitzend mit geschlossenen Augen geübt. Ein halbes Dutzend Fortgeschrittenen-Techniken sowie das „TM-Sidhi-Programm“, das sich auf die alten Yoga-Sutras Patanjalis beruft, ergänzen die Basis-Technik. Diese Meditationstechnik kann ausschließlich in kostenpflichtigen Kursen der TM-Organisation gelernt werden.

Aktive Meditation

Zen-Buddhismus

Teezeremonie
Yogaübung

Neben dem Kinhin (Gehmeditation), welches zwischen passiven Zazen-Zeiten praktiziert wird, wird im Zen-Buddhismus auch in ganz unterschiedlichen Tätigkeiten eine achtsame meditative Haltung geübt, wie z. B. Sadō (oder Chadō) – der Weg der Teezeremonie (Teeweg), Shodo – der Weg der Schreibkunst, Kado – der Weg des Blumenarrangements (auch: Ikebana), Suizen – das kunstvolle Spiel der Shakuhachi-Bambusflöte, Zengarten – die Kunst der Gartengestaltung, Kyudo – die Kunst des Bogenschießens oder Budo – der Weg des Krieges. Während eines Sesshin, dem gemeinsamen Meditieren in einem Zen-Kloster oder Trainings-Zentrum über längere Perioden, werden auch die alltäglichen Verrichtungen Samu (Abwasch, Reinigung, Garten etc.) in großer Geistesgegenwart, bestimmter Form und Achtsamkeit verrichtet.

Tantra

Tantra hat seine Wurzeln in hinduistischen und buddhistischen Traditionen, es ist die Lehre des Flusses der Shakti oder auch des Chi, wie es später der Daoismus bezeichnet. Tantra ist ein mystischer Einweihungspfad, in dessen Meditationen mit der Visualisierung verschiedener Gottheiten und der Rezitation von Mantren gearbeitet wird. Das hinduistische Tantra in Verbindung mit Kundalini und der Chakrenlehre wurde im Westen durch die Arbeiten von John Woodroffe bekannt, die buddhistische Variante durch den Vajrayana-Buddhismus, der auch tantrischer oder tibetischer Buddhismus genannt wird. In den höheren Tantras können Rituale unter Einbeziehung der Sexualkraft mit einem Partner praktiziert werden, wo Sexualität als Weg zur Urquelle der Lebenskraft (Shakti) dienen kann. Spezielle innere Haltung sowie Atem- und Energietechniken könnten über ekstatische Erfahrungen während der sexuellen Vereinigung zu spirituellen Erfahrungen führen. Dieses vage Wissen über solche Praktiken führte zu dem heute vor allem bekannten Neo-Tantra, welches eher als sexualtherapeutische Arbeit bezeichnet werden kann.

Yoga

In der Tradition des Yoga unterstützen verschiedene Körperhaltungen und -übungen, Atemtechniken, sowie Fasten und andere Arten der Askese die Meditation. Im Raja Yoga gelten Pratyahara (Zurückziehen der Sinne) und Dharana (Konzentration) als Vorstufen der Meditation (Dhyana). Hier bezeichnet Dhyana die notwendige Entwicklungsvorstufe zum Ishvara-Samadhi. Lange ruhig bewegungslos gehaltene Asanas sind bereits meditativ.

Kampfkunst

Auch Kampfkünste können Gegenstand und Vehikel der Meditation sein: Besonders in den daoistischen Traditionen der inneren Kampfkünste (z. B. Taijiquan) spielt der meditative Aspekt eine große Rolle. In manchen Stilen tritt dabei der kämpferische Ursprung fast völlig zurück. Auch in vielen der äußeren Kampfkünsten (z.B. Aikido, Karate, Judo und auch Kinomichi) werden meditative Praktiken geübt.

Neuere fernöstlich inspirierte Meditationsformen

Zu den bekanntesten neueren aktiven Meditationsformen gehören die von Bhagwan Shree Rajneesh (Osho) in seinem Ashram in Pune (1970) für Menschen aus dem Westen entwickelten Meditationstechniken. Vor der eigentlichen Meditationsphase werden durch aktive Bewegung und verstärkte Atmung seelische und körperliche Spannungen abgebaut und das Gefühl für den eigenen Körper intensiviert. Bekannt sind die Dynamische Meditation, die Kundalini-Meditation, die Nataraj-Meditation und die Nadabrahma-Meditation.

In der Folge wurden im Rahmen der New-Age-Bewegung zahlreiche aktive Meditationsformen entwickelt, die oft als Musik-CD mit Bewegungsanleitungen oder Begleitbuch angeboten werden.

Geh-Meditation

Häufig dient auch eine körperliche Tätigkeit als ein Fokus einer Meditation. Die einfachste Tätigkeit, die so benutzt wird, ist wohl das Gehen, das sowohl in der christlichen Kultur (bei verschiedenen Mönchsorden etc.) als auch in der fernöstlichen, z. B. im Zen (dort bekannt als Kinhin), Anwendung findet. Bekanntester Vertreter dieser Meditationsform im Westen ist der aus Vietnam stammende, seit 1971 in Frankreich lebende buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh.

Tanz

Tanzen kann wie bei einigen neueren fernöstlich inspirierten Meditationsformen Teil der Vorbereitung zur eigentlichen Meditation in Stille sein. In der orientalischen Tradition ist der Derwisch-Tanz im Sufismus, in der islamischen Mystik eine solche Vorbereitung zur meditativen Versenkung. Der Derwisch-Tanz führt zu einem Bewusstseinszustand mit Freiheit von Gedanken und körperlicher Zentriertheit, der günstige Voraussetzung für Meditation und hier für das Dhikr, das ununterbrochene Bewusstsein der Gegenwart Gottes, ist.

Musik und Rezitation

Viele Schulen verwenden rhythmische Klänge und Musik, um die Meditation zu erleichtern. In der christlichen Tradition sind das insbesondere Choräle wie sie vor allem aus der Gregorianik bekannt sind. Das Rosenkranzgebet im Christentum und das Mantra im Buddhismus und im Hinduismus haben ähnliche meditative Aspekte. Im Hinduismus und Buddhismus werden die Mantren entweder lautlos, leise gesprochen oder als Gesänge (Chanting) rezitiert.

Abgrenzungen

Ähnliche spirituell bedeutsame Bewusstseinszustände oder mystische Erfahrungen, wie sie in der Meditation angestrebt oder erfahren werden, sind auch durch Trance- und Ekstase-Techniken (Trancetanz), Holotropes Atmen oder Psychotrope Substanzen möglich. Die Meditation unterscheidet sich von solchen Praktiken zur Bewusstseinserweiterung wesentlich durch eine fast immer vorausgesetzte und unterstützte klare und wache Bewusstheit. In manchen Traditionen wie zum Beispiel in der christlichen Mystik oder im Vajrayana-Buddhismus gibt es auch fließende Übergänge zwischen Meditation und Tranceinduktion. Auch bei Formen des Gebets, wie sie im Judentum und Christentum praktiziert werden, sind transzendentale Erfahrungen möglich. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Gebet und Meditation ist die kommunikative Komponente in der Ansprache eines Höheren Wesens im Gebet.

Im Buddhismus, vor allem in seiner tantrischen Variante, und im Hinduismus gibt es spirituelle Praktiken der Anrufung, die dem Gebet sehr ähnlich sind, dort aber Meditation genannt werden.

Wirkungen

Regelmäßige Meditation wirkt beruhigend und wird in der westlichen Medizin als Entspannungstechnik empfohlen. Die Wirkung, der meditative Zustand, ist neurologisch als Veränderung der Hirnwellen messbar. Der Herzschlag wird verlangsamt, die Atmung vertieft, Muskelspannungen reduziert. Richard Davidson belegt bei tibetischen Mönchen eine größere Aktivität im linken Stirnhirnlappen und verstärkte Gamma-Wellen im EEG.[4][5][6] Die Psychologin Sara Lazar konstatierte bei erfahrenem Meditieren deutliche Verdickungen in Bereichen der Großhirnrinde, die „für kognitive und emotionale Prozesse und Wohlbefinden wichtig sind“.[7][8]

2007 analysierten Ospina (University of Alberta, USA) und Bond (Capital Health Evidence based Practice Center, Edmonton, Kanada) 813 medizinische und psychologische wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der Wirkung von Meditation auf Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen und Drogen- und Arzneimittelmissbrauch befasst hatten. Es gebe heute ein „enormes Interesse“, Meditation als Therapie einzusetzen. Bislang sei ein Großteil solcher Hinweise aber eher „anekdotisch“ oder stamme aus unzulänglichen Untersuchungen. Belege, dass „gewisse Arten“ der Meditation Bluthochdruck und Stress bei Patienten reduzieren könnten, gebe es aber, und bei Gesunden habe sich gezeigt, dass Praktiken wie Yoga die verbale Ausdruckskraft erhöhen und Herzfrequenz, Blutdruck und Cholesterin-Spiegel senken könne. Die methodische Qualität der Untersuchungen sei jedoch eher mangelhaft. Eine übereinstimmende theoretische Sichtweise scheine zu fehlen. Künftige Untersuchungen müssten strengere Maßstäbe anlegen an Durchführung, Analyse und Niederschrift. Aus den Ergebnissen ihrer Arbeit dürfe allerdings nicht der Schluss gezogen werden, Meditation wirke nicht. Die Hinweise auf die therapeutischen Effekte seien, so Ospina, nur noch nicht hinreichend beweiskräftig; viel Unsicherheit gebe es zum Beispiel, was die Meditationspraxis selbst anbelange. Die Studie hatte Meditation in fünf Kategorien unterteilt: Mantra-Meditation, Achtsamkeits-Meditation, Yoga, Taijiquan und Qi Gong. Am häufigsten sei Transzendentale Meditation und die Relaxation Response-Technik untersucht worden, gefolgt von Yoga und Achtsamkeits-Meditation. Durchgeführt wurde die Studie am University of Alberta Evidence-based Practice Center, im Auftrag des Gesundheitsministeriums der USA. Die Finanzierung erfolgte durch das National Center for Complementary and Alternative Medicine in Bethesda, USA.[9]

Das Mind and Life Institute ist unter Mitwirkung anerkannter Wissenschaftler mit dem Versuch befasst, die Wirkung von Meditation auf das Gehirn zu untersuchen, und umgekehrt.

Meditationszentrum

Poggersdorf, Österreich

Es handelt sich um einen Begriff aus dem westlichen Kulturkreis. Ein Teil der in der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. gegründeten New-Age-Zentren verfügt über ein Gemeinschaftsgebäude oder einen zentralen Versammlungsraum, der bei religiös und/oder spirituell ausgerichteten Gemeinschaften und Gruppen bzw. im Falle von Ashrams entweder auch oder ausschließlich als Meditationszentrum genutzt wird. Für eine wechselnde Nutzung mit eingeschobenen Meditationszeiten steht beispielhaft die Universal Hall in der schottischen Findhorn Foundation, für eine ausschließlich meditative Nutzung in absoluter Stille steht der Matrimandir im südindischen Auroville.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. EKBO Beauftragter für Spiritualität: http://www.ekbo.de/adressen/13682.php?seiten_id=13682&nav_id=
  2. Maharishi Mahesh Yogi: Die Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens. Kamphausen, Bielefeld 1998. ISBN 3-933496-40-3. S. 378 ff.
  3. Maharishi Mahesh Yogi: Die Bhagavad Gita, Kapitel 1-6, aus dem Sanskrit übertragen und neu kommentiert. Kamphausen, Bielefeld 1999, ISBN 3-933496-41-1. S.  364 ff.
  4. Kernspin im Nirwana. Die Zeit, 31. Januar 2008
  5. Meditation Gives Brain a Charge, Study Finds. Washington Post, 3. Januar 2005
  6. Buddha on the Brain, Wired 14.02, Februar 2006
  7. Geist über Materie: Meditation und Hirnforschung, BR-online
  8. Die Fahrschule des Bewusstseins, Telepolis, 18. Mai 2008
  9. Therapeutic Value Of Meditation Unproven, Says Study. Science Daily, 2. Juli 2007

Literatur

Weblinks zu

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20. September

Samstag, 22. August 2009

Der 20. September ist der 263. Tag des Gregorianischen Kalenders (der 264. in Schaltjahren). Zum Jahresende verbleiben 102 Tage.

Historische Jahrestage
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Inhaltsverzeichnis

Ereignisse

Politik und Weltgeschehen

Die Mittelmeerwelt um 450 n. Chr.
1604: Grundriss von Oostende
1792: Die Kanonade von Valmy
1863: Die Schlacht von Chickamauga
Die Einigung Italiens (1815 bis 1870)

Wirtschaft

Wissenschaft und Technik

1904: Wilbur Wright
1904: Orville Wright

Kultur

Religion

1918: Pater Pio

Katastrophen

Kleinere Unglücksfälle sind in den Unterartikeln von Katastrophe aufgeführt.

Sport

  • 1879: Der älteste irische Fußballverein Cliftonville FC entsteht in Belfast, als in der Lokalzeitung ein Geschäftsmann Interessenten für den Cliftonville Association Football Club sucht.

Einträge von Leichtathletik-Weltrekorden befinden sich unter der jeweiligen Disziplin unter Leichtathletik; für Ereignisse aus dem Bereich der Formel 1 siehe die im Formel-1-Saisonüberblick aufgelisteten Artikel.

Geboren

Vor dem 19. Jahrhundert

Christian von Braunschweig (* 1599)

19. Jahrhundert

20. Jahrhundert

1901–1950

1951–2000

Gestorben

Vor dem 20. Jahrhundert

Anna Waser († 1714)

20. Jahrhundert

21. Jahrhundert

Feier- und Gedenktage

Weitere Einträge enthält die Liste der Gedenk- und Aktionstage.



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Elefanten

Freitag, 21. August 2009
Dieser Artikel behandelt die Familie der Elefanten. Zu anderen Bedeutungen siehe Elefant (Begriffsklärung).
Elefanten

Afrikanischer Elefant

Systematik
Reihe:Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse:Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse:Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung:Afrotheria
Ordnung:Rüsseltiere (Proboscidea)
Familie:Elefanten
Wissenschaftlicher Name
Elephantidae
Gray 1821
Arten

Die Elefanten (Elephantidae) (altgr. ἐλέφαντ- [eléfant-], Stamm von ἐλέφᾱς [eléfās], „Elefant“) bilden eine Familie der Rüsseltiere. Diese Familie umfasst alle heute noch lebenden Vertreter der Rüsseltiere.

Elefanten sind die größten noch lebenden Landtiere. Bei der Geburt wiegt ein Kalb bis zu 100 Kilogramm. Die Tragzeit ist mit 20 bis 22 Monaten die längste aller Landsäugetiere. Der älteste Elefant lebte im Zoo von Taipeh und wurde 86 Jahre alt.[1][2] Je nach Art kann ein Elefant im Durchschnitt zwischen zwei und fünf Tonnen Körpergewicht und eine Größe von bis zu vier Metern erreichen. Das größte bekannte Exemplar war ein am 4. April 1978 im Damaraland (Namibia) erlegter Bulle, der 4,21 Meter groß und 10,39 Meter lang war.[3]

Inhaltsverzeichnis

Systematik

Von den Rüsseltieren leben heute nur noch drei Arten, die alle zu den echten Elefanten gehören. Diese sind:

Eine Minderheit von Elefantenforschern und Kryptozoologen hat den Zwergelefanten (Loxodonta pumilio) als Art vorgeschlagen; diese ist jedoch in der Fachwelt nicht akzeptiert. Er soll neben dem großen Waldelefanten als kleinere Art im tropischen Regenwald (Gabun, Kongo, Kamerun) vorkommen. Auch genetische Untersuchungen an verschiedenen Exemplaren der zentralafrikanischen Region brachten keine Hinweise auf eine vierte Elefantenart.[4]

Die einzig bekannte Hybride zwischen einer asiatischen Elefantenkuh und einem afrikanischen Elefantenbullen wurde 1978 im Zoo von Chester geboren. Es handelte sich um das Bullenkalb „Motty“. Es starb zwei Wochen nach seiner Geburt.[5]

Verbreitung

Verbreitung des Afrikanischen (grün) und des Asiatischen Elefanten (braun)

Das Verbreitungsgebiet des Asiatischen Elefanten erstreckte sich früher im südlichen Asien durchgängig von Syrien bis zu weiten Teilen Chinas. Heute ist er noch in Vorder- und Hinterindien, Sri Lanka sowie einigen der großen Sundainseln zu finden.

Der Afrikanische Elefant lebte früher auf dem gesamten afrikanischen Kontinent, heute befindet sich die nördlichste Grenze seines Verbreitungsgebietes im Süden des Sudan. Er kommt heute in vier getrennten Populationen vor: In den Savannen des östlichen und südlichen Afrika, in Westafrika, in der nördlichen Namib (Südwestafrika) und im zentralafrikanischen tropischen Regenwald. Im südlichen Afrika ist er allerdings auf die Schutzzonen der Nationalparks beschränkt; dort haben sich die Bestände durch verschiedene Schutzmaßnahmen, insbesondere durch das weltweite Verbot des Elfenbeinhandels, so stark vergrößert, dass die „Tragfähigkeit“ dieser Gebiete deutlich überschritten wurde. Besonders deutlich wird das etwa im Chobe-Nationalpark in Botsuana: Statt der als naturverträglich eingestuften Zahl von 5.000 Elefanten leben hier inzwischen über 25.000 Tiere.

Der Waldelefant lebt in den Regenwäldern Westafrikas, unter anderem in Kamerun, der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik.

Alle heute noch lebenden Elefanten sind stark in ihrem Bestand gefährdet, da ihr Lebensraum beständig schrumpft und sie bis in die jüngste Zeit wegen ihrer aus wertvollem Elfenbein bestehenden Stoßzähne gejagt wurden.

Anatomie

Vergleich von Kopf und Vorderteil des Körpers von Asiatischem (1) und Afrikanischem (2) Elefant

Da die verschiedenen Elefantenarten eine unterschiedliche Anzahl Brust-, Lenden-, Kreuzbein-, und Schwanzwirbel besitzen, besteht ein Elefantenskelett aus 326 bis 351 Knochen.

Etwa 394 Skelettmuskeln bewegen den Elefantenkörper. Die inneren Organe des Elefanten sind im Verhältnis nicht größer als bei anderen Säugetieren. Das Gehirn wiegt etwa vier bis fünf Kilogramm; das Herz – je nach Alter – zwischen zwölf und 21 Kilogramm. Es schlägt etwa 30 mal pro Minute. Die Blutmenge entspricht etwa 10 Prozent des Körpergewichtes. Die Körpertemperatur eines gesunden Elefanten beträgt circa 36,5 °C. Die Haut ist etwa zwei Zentimeter dick.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Säugetieren befindet sich das Gesäuge bei den Elefantenkühen, wie bei den Menschen, Primaten und Walen, zwischen den Vorderextremitäten. Damit das Elefantenkalb bei der Geburt sanft auf die Erde fällt, befindet sich die Geburtsöffnung nicht unter dem Schwanzansatz, sondern zwischen den Hinterbeinen. Dies verkleinert die Fallhöhe bei der Geburt von rund 1,70 Meter auf 70 Zentimeter.

Elefantenzähne, von links nach rechts: Vorletzter, unterer Backenzahn des asiatischen Elefanten, selbiger des afrikanischen Elefanten und letzter Backenzahn von Mastodon giganteum

Elefanten besitzen zwei Arten von Zähnen. Zum einen die zu Stoßzähnen gewandelten Oberkieferschneidezähne und die Backenzähne.[6] Als Kaufläche werden jeweils nur die vorderen Backenzähne genutzt. Sind diese abgenutzt, wachsen von hinten die nächsten Zähne durch Resorption und Anlagerung der Kieferknochen vor und stoßen die alten Zähne heraus. Ein Elefant bekommt so in seinem Leben sechsmal neue Zähne.[7] Sollte ein Elefant diese alle verbrauchen, muss er verhungern. Inzwischen gibt es allerdings erfolgreiche Versuche, Zahnersatz für Elefanten anzufertigen.[8]

Die aus Elfenbein bestehenden Stoßzähne werden vor allem zum Entrinden der Bäume sowie als Waffe gegen Feinde eingesetzt, wobei die Stoßzähne mehr dem Imponiergehabe als dem wirklichen Kampf dienen.

Während man seit mindestens der Spätantike teilweise glaubte, dass Elefanten keine Ellenbogen- und Kniegelenke besäßen,[9] weiß man mittlerweile, dass diese lediglich völlig frei sind.[10] Das Kniegelenk des Elefanten zeigt eine erweiterte Ruheposition, so dass beim Stehen der Winkel zwischen Oberschenkel und Schienbein fast 180° beträgt. Dies ist für Quadrupeden ungewöhnlich, kommt es doch sonst nur beim bipeden Menschen vor. Es gibt weitere Parallelen: Das Oberschenkelgelenk des Elefanten zeigt große Ähnlichkeit mit dem des Menschen, wie auch die Menisken, welche sehr schmal und dünn sind, und das Kreuzbandsystem, das ebenfalls vorhanden ist. Die Bewegungsmuster der gewichtstragenden hinteren Gliedmaßen erinnern ebenfalls mehr an den Menschen, als an cursoriale Quadrupeden. Die Hauptbewegung des Kniegelenks ist eine Extension-Flexion mit einem Aktionsradius von 142°. Im fortgeschrittenen Alter sind die Kniegelenke anfällig für Arthrose.[11] Elefanten sind Zehenspitzengänger.

Eine anatomische Besonderheit der Elefanten betrifft ihren Pleuraspalt. Als einziger Säugetierart der Welt ist dieser bei ihnen nicht mit Flüssigkeit gefüllt, sondern von Bindegewebe ausgekleidet. Dadurch sind die Pleurablätter trotzdem weiterhin gegeneinander verschiebbar, aber bei weitem nicht so empfindlich, wie es bei der flüssigkeitsgefüllten Variante der Fall ist. Dies ermöglicht es Elefanten beispielsweise, einen Fluss zu durchqueren und währenddessen mit ihrem langen Rüssel zu „schnorcheln“. Dabei atmen sie Luft mit atmosphärischem Druck ein, während sich ihr Körper, und damit insbesondere die Lunge, etwa zwei Meter unter Wasser befindet. Diese Druckdifferenz würde bei jedem anderen Säugetier (mit „normalem“ Pleuraspalt) dazu führen, dass die Blutgefäße, die den Pleuraspalt mit Flüssigkeit versorgen, förmlich „ausgequetscht“ und zerstört würden. Das würde zum Tod führen, da die Lunge, ohne Halt, einfach kollabiert.[12]

Rüssel

Ein Arbeitselefant in Thailand stößt Wasser durch seinen Rüssel aus

Ein Rüssel ist eine verlängerte Nase mit Nasenlöchern (auch Rüsselloch). Bei Elefanten ist der Rüssel ein äußerst feinfühliges und langes Organ, das im Lauf der Entwicklung aus Oberlippe und Nase entstand, etwa 40.000 zu Bündeln verflochtene Muskeln machen den Rüssel sehr beweglich. Der Rüssel enthält kein Nasenbein oder andere Knochen. Er besteht ausschließlich aus Muskelgewebe und ist das auffälligste anatomische Merkmal der Elefanten.

Es dient seinem Besitzer als Waffe, als Greifhand beim Fressen, als Saug- und Druckpumpe beim Trinken. Es passen pro Zug circa acht bis zehn Liter Wasser in den Rüssel.[10]

Gelegentlich wird der Elefantenrüssel beim Baden oder Schwimmen auch als eine Art Schnorchel eingesetzt. Mit Hilfe des Rüssels kann er auch Äste und Pflanzen aus bis zu sieben Meter Höhe erreichen. An seiner Spitze befinden sich empfindliche Tasthaare, welche auch kleinste Unebenheiten wahrnehmen, so eignet sich der Rüssel auch zum Tasten. Zum Riechen wird der Rüssel hoch in die Luft gehalten.

Während der Rüssel des afrikanischen Elefanten in zwei fingerartigen Fortsätzen endet, ist es beim indischen Elefanten nur einer.[13]

Ernährung

Elefanten sind ausnahmslos Pflanzenfresser und ernähren sich vor allem von Gräsern und Blättern, fressen bei Nahrungsknappheit jedoch auch Äste, Dornbüsche und ähnliche Nahrung.

Sie nehmen täglich etwa 200 Kilogramm Nahrung zu sich. Dazu brauchen sie 17 Stunden am Tag. Sie fressen vor allem Gras, aber auch Früchte, Wurzeln, Zweige und Rinde. Der Rüssel ist bei der Nahrungsaufnahme als Greiforgan enorm nützlich. Mit den fingerartigen Fortsätzen können sie einzelne Halme und Gräser aufnehmen. Ihre Nahrung verwerten sie zu etwa 40 Prozent, da sie ein weniger effizientes Verdauungssystem haben als etwa die Wiederkäuer. Auch Wasser ist für die Elefanten ein wichtiger Lebensfaktor. Sie trinken 70 bis 150 Liter Wasser am Tag. Täglich benötigen Elefanten etwa 250.000 Kilokalorien.

Natürliche Feinde

Durch ihre Größe und ihr Leben im Herdenverband haben Elefanten wenige natürliche Feinde. Nur den größten Raubkatzen wie Löwen und Tigern gelingt es bisweilen, Jungtiere zu erbeuten.[14] In einigen Gebieten Afrikas scheinen Elefanten allerdings häufiger von Löwen erbeutet zu werden als bisher angenommen. Im Eiszeitalter hatten Elefanten darüber hinaus die ausgestorbenen Säbelzahnkatzen zu fürchten. Insbesondere für die Gattung Homotherium konnte zumindest lokal eine Nahrungspräferenz für junge Präriemammuts nachgewiesen werden.[15]

Verhalten

Afrikanische Elefanten vor dem Kilimandscharo im Amboseli-Nationalpark

Elefanten leben in Herden bestehend aus Kühen und Kälbern. Die Herden werden von einer Matriarchin angeführt, die eine Vorbildrolle innerhalb der Gruppe einnimmt. Dabei handelt es sich meist um eine sehr erfahrene, mittlerweile unfruchtbar gewordene Leitkuh im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Fehlen Vorbilder wie diese Leitkuh, etwa weil sie getötet wurden, so hat dies schwerwiegende Folgen: Die Kälber werden von den verbliebenen jungen Müttern aufgezogen und daher werden viele soziale Werte nicht vermittelt.

Die Größe der Herde variiert mit dem Nahrungsangebot. Ist reichlich Nahrung vorhanden, so schließen sich kleinere Familienherden zu größeren zusammen. Bei akutem Nahrungsmangel kommt es oft vor, dass einzelne Familien – bestehend aus ein bis zwei Kühen mit ihren Nachkommen – „Miniherden“ bilden und allein unterwegs sind. Ebenfalls von der Nahrung abhängig ist das Wanderverhalten der Herden. Während sie bei hohem Nahrungsangebot relativ ortsbeständig sind, bewegen sie sich in Trockengebieten, mit schlechter Nahrungsversorgung oft über lange Strecken um Nahrung zu finden. Dabei bilden sich sogenannte Elefantenstraßen die bereits lange Zeit bestehen und immer wieder benutzt werden.

Elefanten haben brustständige Milchdrüsen

Im Alter von etwa zwölf Jahren trennen sich Bullen den übrigen Herdentieren. Nur zur Brunftzeit stoßen sie zu den Herden um sich zu paaren. Außerhalb der Paarungszeit bestreiten sie ihr Leben entweder als Einzelgänger oder in losen Gruppen. In der Vergangenheit kam es zumindest in Afrika mehrfach vor, dass solche Gruppen, deren Mitglieder vermutlich durch Zusammenstöße mit Wilderern traumatisiert wurden, sehr aggressiv auffielen, indem sie beispielsweise Nashörner töteten. Derartige Verhaltensweisen gleichen posttraumatischen Belastungsstörungen beim Menschen und die Struktur der Gehirne solcher Elefanten weisen ebenfalls Parallelen zur Gehirnstruktur traumatisierter Menschen auf.

Durch eine Versuchsreihe im New Yorker Bronx-Zoo ließen sich Anzeichen ermitteln die nahelegen, dass Elefanten über ein Ich-Bewusstsein verfügen. Asiatische Elefanten wurden hierfür einem Spiegel-Selbsterkennungstest unterzogen. Die Ergebnisse zeigten, dass Elefanten wie Delfine und Affen dem Anschein nach die Fähigkeit bestitzen sich selbst im Spiegel zu erkennen. Dies deutet auf das Vorhandensein eines Ich-Bewusstseins hin.[16][17] Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass Elefanten in der Lage sind zu zählen und einfachste Additionsaufgaben zu lösen. Diese Fähigkeit erlaubt ihnen wahrscheinlich, die Vollständigkeit der Herde zu überprüfen.[18]

Weiterhin sind Elefanten auch in der Lage, Stoßzähne und Knochen von toten Artgenossen zu erkennen. Dies ergab eine Studie im Amboseli-Nationalpark, die von der University of Sussex durchgeführt wurde.[19] Ebenfalls interessieren sich Elefanten für den Verbleib von toten Artgenossen. So suchen sie Dörfer auf, deren Bewohner einen Anhänger ihrer Herde getötet haben.[20]

Elefanten kommunizieren, entgegen der weit verbreiteten Ansicht, nicht durch Trompeten. Diese Laute geben die Tiere nur in bestimmten Stimmungslagen wider (z. B. Aufregung, Angst, Aggressivität). Zur Verständigung mit Artgenossen nutzen sie Infraschall-Laute. Diese Laute haben eine sehr tiefe Frequenz und liegen daher außerhalb des Frequenzbereichs den das menschliche Gehör wahrnehmen kann.[21] Die langsamen Schwingungen werden sowohl durch die Luft als auch durch das Erdreich über dutzende Kilometer übertragen. Auf diese Weise können die Tiere mit weit entfernten Artgenossen kommunizieren.

Stammesgeschichte der Elefanten

Auch die ausgestorbenen Mammuts gehören zur Familie der Elefanten

Stammesgeschichtlich sind Elefanten eine relativ junge Familie der Rüsseltiere (Proboscidea). Die frühesten Rüsseltiere stammen aus dem Eozän Nordafrikas und sind etwa 55 Millionen Jahre alt. Die Rüsseltiere bildeten verschiedene Familien aus, dazu zählen die Moeritherien, die Deinotherien, die Barytherien, die Gomphotherien, die Echten Mastodonten und die Stegodonten.

Diese ausgestorbenen Rüsseltiere waren aber keine Elefanten, obwohl sie teilweise ganz ähnlich aussahen. Einige dieser Familien wie die Stegodonten, die Gomphotherien und die Echten Mastodonten waren bis ins Eiszeitalter Zeitgenossen der Elefanten. Wie die Echten Mastodonten entwickelten sich die Elefanten aus der Familie der Gomphotherien. Die Entwicklungslinie zu den Elefanten begann im späten Miozän vor etwa sechs Millionen Jahren durch Gattungen wie Primelephas und Stegotetrabelodon, die sich durch die fehlende Zahnschmelzhülle um ihre vier Stoßzähne und das Vorhandensein von Schmelzlamellen auf den Backenzähnen von anderen Rüsseltieren unterschieden. Die Schmelzlamellen gelten als besonders charakteristisches Merkmal für Angehörige der Elephantidae, und stellen eine Anpassung an Grasnahrung dar. Eine andere Rüsseltierfamilie, die Stegodonten entwickelte allerdings unabhängig ganz ähnliche Strukturen, die den Schmelzlamellen der Elefanten entsprachen.

Auf Primelephas gehen wohl die späteren Gattungen der Elefanten, Elephas, Loxodonta und Mammuthus zurück. Das vereinfachte Kladogramm der Familie sieht so aus:

Elephantidae├── Primelephas├── Elephantini│   ├── Elephas│   └── Mammuthus└── Loxodontini    └── Loxodonta

Die Gattung Elephas entstand im frühen Pliozän Afrikas und verbreitete sich von dort aus über Eurasien. Eine der bekanntesten ausgestorbenen Elephas-Arten, die gewöhnlich als Altelefanten bezeichnet werden, ist der Europäische Waldelefant (Elephas antiquus). Auch die Zwergelefanten (beispielsweise der Sizilianische Zwergelefant), die im Pleistozän auf einigen Inseln des Mittlermeeres und Südostasiens verbreitet waren, gehören zu dieser Gattung. Seit dem späten Pleistozän ist Elephas ausschließlich auf Asien beschränkt. Heute lebt als einzige Art noch der Indische Elefant (Elephas maximus).

Die zweite noch existierende Gattung Loxodonta entstand im mittleren Pliozän Afrikas und ist gegenwärtig durch zwei Arten, den Afrikanischen Steppenelefanten (Loxodonta africana) und den Waldelefanten (Loxodonta cyclotis) repräsentiert.

Die bekanntesten fossilen Elefanten sind zweifellos die Mammuts (Mammuthus bzw. Mammonteus). Diese Gattung bildete sich im mittleren Pliozän ebenfalls in Afrika und verbreitete sich von dort aus bis Eurasien und Nordamerika. Eine ursprüngliche Form war Mammuthus meridionalis, der auch unter dem Namen Südelefant bekannt ist. Zu Beginn der Eiszeit lebte das Steppenmammut Mammuthus (=Mammonteus) trogontherii, welches später durch das Kaltsteppen- oder Wollhaarmammut Mammuthus (=Mammonteus) primigenius abgelöst wurde. Dieses wird umgangssprachlich auch als Echtes Mammut bezeichnet. Teile von Wollhaarmammuts werden auch heute noch häufig im sibirischen Dauerfrostboden gefunden. Dabei handelt es sich vor allem um Knochen und Haare, gelegentlich finden sich jedoch auch erstaunlich gut erhaltene Mammuts im Eis. Das Mammutelfenbein wurde von Alters her vor allem in China und Russland zur Elfenbeinschnitzerei genutzt. Die Menschen im späten Pleistozän jagten die Tiere, und nach verschiedenen Theorien waren sie möglicherweise für das Aussterben der letzten Mammuts verantwortlich. Alternative Theorien gehen von einer Abfolge vieler schwerer Winter und Nahrungsknappheit aus. In den meisten Gebieten Eurasiens und Nordamerikas verschwanden die Mammuts vor etwa 10.000 Jahren, die letzten lebten vor etwa 3700 Jahren auf der Wrangel-Insel.

Mensch und Elefant

Arbeitselefant in Pune (Indien)
Dressierte Elefantenkuh. Zu erkennen sind das Gesäuge und die Geburtsöffnung
Ganesha (13. Jh., Indien)
Elefanten im Porzellanladen (Majolika-Manufaktur), Karlsruhe
Der Elefant als Symbol für Afrika: das ehemalige Reichskolonial-Ehrenmal in Bremen

Auch heute noch gibt es Menschen, die den Elefanten seiner Stoßzähne wegen illegal jagen. Asiatische Elefanten sind aber auch Nutztiere und werden vor allem in Entwicklungsländern beispielsweise zur Lastenbeförderung eingesetzt.

Wegen ihrer Intelligenz und beeindruckenden Größe sind Elefanten ferner als Dressurtiere im Zirkus verbreitet. In Zoos zählen die Dickhäuter zu den beliebtesten Attraktionen und ziehen jährlich ganze Scharen von Besuchern an. Die Haltung der großen Tiere ist allerdings problematisch und kann zu Unfällen zwischen Elefant und Mensch führen. Die European Elephant Group, ein „Zusammenschluss von Menschen, denen das Schicksal von Elefanten, die als Folge nicht tiergerechter Haltung mittel- oder unmittelbar durch Schäden an ihrer physischen bzw. psychischen Gesundheit bedroht sind, am Herzen liegt.“[22] bezeichnet die grauen Riesen als die gefährlichsten Wildtiere in Menschenhand, da es immer wieder zu Unfällen mit dem Pflegepersonal kommt. Sie berichtet allein von 38 Toten und 50 Verletzten in Zoos und Safariparks seit 1980.[23] Elefanten können zahlreiche Verhaltensstörungen entwickeln, von denen das rhythmische Hin- und Herbewegen (Weben) vielleicht die bekannteste ist.

Elefanten in der menschlichen Geschichte

Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. waren Elefanten im ägyptischen Einflussgebiet ausgestorben oder ausgerottet. Thutmosis III. ging nach einem erfolgreichen Eroberungsfeldzug in Asien auf Elefantenjagd. Assyrische Königsinschriften des 8. bis 7. Jahrhunderts v. Chr. berichten von der Elefantenjagd im heutigen Syrien, was auch durch entsprechende Knochenfunde belegt ist.

Während in Indien Arbeitselefanten bereits im Altertum eingesetzt wurden, kannten die Griechen zunächst nur das Elfenbein als Handelsobjekt. Erste Begegnung mit Elefanten hatten sie bei der Schlacht von Gaugamela. Später wurden in allen Diadochen-Heeren bis zu 500 Kriegselefanten gleichzeitig eingesetzt. Einer von ihnen, Pyrrhus, setzte sie bei seinen Kämpfen gegen Rom ein. Nach der Region, in der der erste Kampf stattfand, nannten die Römer die Elefanten anfänglich „Lukanische Ochsen“ (boves lucae).[24]

Der karthagische Feldherr Hannibal überquerte 218 v. Chr. mit Kriegselefanten die Alpen.

In Rom waren die ersten Elefanten im Triumphzug 275 v. Chr. zu sehen. Seit 169 v. Chr. wurden sie im Zirkus zur Schau gestellt. Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurden Elefantenschaukämpfe gegen Tiere und Menschen Mode, die in der späteren Kaiserzeit durch artistische Darstellungen abgelöst wurden. Im Triumphzug mit vorgespannten Elefanten (Quadriga) scheiterte Pompeius 81 v. Chr. an den engen Stadttoren Roms. Dies sollte später Severus Alexander und Gordian I. gelingen.

In die europäische Geschichte namentlich eingegangen sind Abul Abbas, ein Geschenk des Kalifen Harun ar-Raschid an Karl den Großen, Hanno, das Lieblingstier Papst Leos X., Soliman, der erste Elefant in Wien, Hansken (1630–1655), eine gelehrte Elefantendame des 17. Jahrhunderts, und Jumbo (ca. 1861–1885), der König der Elefanten. Ludwig IX., der Heilige, brachte 1255 nach einem Kreuzzug einen Elefanten nach Frankreich, den er an Heinrich III. von England weiterverschenkte. Ludwig XIV. von Frankreich hielt 13 Jahre lang ein seltenes afrikanisches Exemplar in Versailles.

In Asien gibt es noch heute Elefantenschulen, in denen Elefanten teilweise für Touristen, teilweise aber auch für die Arbeit abgerichtet werden. Indische, thailändische und sri-lankische Elefantenführer werden Mahut (auch: Mahout) genannt.

Elefanten in Symbolik und Mythologie

Der Elefant gilt als weise, stark und keusch, aber auch als nachtragend. Er ist das Wappentier mehrerer afrikanischer Staaten sowie das politische Wappentier der Republikaner in den USA. Die Seekriegsflagge Thailands ziert ein Weißer Elefant, der dort als Zeichen von Macht verehrt wird.

Der höchste dänische Orden, der Elefantenorden, ist ebenfalls nach dem Elefanten benannt. Die Redensart „wie ein Elefant im Porzellanladen“ deutet dagegen auf die Vorstellung hin, Elefanten seien ungeschickt.

In der indischen Mythologie ist Airavata der erste Elefant. Gott Ganesha erscheint mit dem Kopf eines Elefanten. Er ist eine der beliebtesten Gottheiten des Hinduismus und gilt als Verkörperung von Weisheit und Wohlstand und als Helfer in schwierigen Lebenssituationen.

Die buddhistische Überlieferung kennt eine Legende, nach der Mahamaya, der Mutter Siddhartha Gautamas, vor dessen Geburt ein weißer Elefant erschien.

In China erscheint ein weißer elefantenköpfiger Gott, der eine jungfräuliche Göttin, Moye, schwängert. Moye gebiert den Helden Fu-Hi. In China gelten Elefanten noch heute als Symbol für männliche Potenz. Im Judentum bzw. Christentum taucht der elefantenköpfige Dämon Behemoth auf, und auch er symbolisiert die „Fleischlichkeit“, d. h. die sexuelle Energie.

Die Verbindung zwischen Elefanten und sexueller Energie existierte auch in Europa, wo in vielen Heldenepen des Mittelalters „Hörner aus Elfenbein“ eine wichtige Rolle spielten (z. B. das Horn Olifant im Rolandslied). Gemahlenes Elfenbein gilt noch heute bei einigen asiatischen Völkern als Potenzmittel.

Es besteht die Legende vom Elefantenfriedhof.

Rezeption

Auch in den Medien sind Elefanten zu finden, die sich meist speziell an Kinder richten. So gibt es neben dem vor allem aus Hörspielen bekannten Benjamin Blümchen auch Zeichentrickfiguren wie Dumbo, Babar und den kleinen blauen Elefanten aus der Sendung mit der Maus. Auf Elefanten basieren Otto WaalkesOttifanten. Einen Elefanten im Logo verwenden Hersteller von Spielzeugen wie die Simba-Dickie-Group und Jumbo.

In Werken Salvador Dalís sind Elefanten häufiger zu finden, wie z. B. in seinen Gemälden Schwäne spiegeln Elefanten (1937)[25] oder Die Elephanten (1948).[26] Der italienische Bildhauer Gian Lorenzo Bernini schuf (ausgeführt 1667 durch seinen Schüler Ercole Ferrata) einen Obelisken, der auf einem Elefanten ruht. Diese barocke Werk vor der römischen Santa Maria sopra Minerva wurde vermutlich durch den Renaissance-Roman Hypnerotomachia Poliphili inspiriert, in dem ein Gebäude in Form eines Elefanten auftaucht, der ebenfalls einen Obelisken trägt.[27]

Literatur

  • Christine und Michel Denis-Huot: Elefanten. Verlag Karl Müller GmbH, 2003, ISBN 3-89893-068-8.
  • Adrian Lister, Paul Bahn: Mammuts – Riesen der Eiszeit. Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1997, ISBN 3-7995-9050-1.
  • Ronald M. Nowak: Walker’s mammals of the world. 6. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1999, ISBN 0-8018-5789-9.  
  • Larousse (Hrsg.): Lebendige Wildnis – Tiere der afrikanischen Savanne. Das Beste, Stuttgart 1992, ISBN 3-87070-405-5.
  • Dietmar Jarofke: Jarofkes Elefantenkompendium. Haltung, Zucht, Verhalten und Krankheiten der Elefanten. Schüling-Verlag, Münster 2007, ISBN 978-3-86523-085-0.

Belege

  1. Guinness World Records 2007, Bibliographisches Institut, Mannheim 2006
  2. New York Times: World’s Oldest Elephant, 86, Is Dead (23. Februar 2003)
  3. Guinness Buch der Rekorde 1992, Ullstein, München, ISBN 3-550-07750-5.
  4. [1].
  5. Motty, die Kreuzung aus afrikanischem und asiatischem Elefanten
  6. Foto eines Elefantenmauls
  7. Grafik zum Zahnwechsel
  8. Thailand-Community-Infocenter: Thailändischer Elefant bekommt erstmals Zahnersatz
  9. Der Neue Physiologus: Elefant
  10. a b Wilhelm Eigener: Enzyklopädie der Tiere, Nikol Verlagsgesellschaft 2004, ISBN 978-3-933203-98-4
  11. G. E. Weissengruber, F. K. Fuss, G. Egger, G. Stanek, K. M. Hittmair und G. Forstenpointner: The elephant knee joint: morphological and biomechanical considerations
  12. American Physiological Society: For elephants, it’s not just their ears and trunk that make them unique on land
  13. Markus Kappeler: Ceylon-Elefant – Elephas maximus maximus, 1986, (erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection, Groth AG, Unterägeri
  14. Vratislav Mazak: Der Tiger. Nachdruck der 3. Auflage von 1983. Westarp Wissenschaften Hohenwarsleben, 2004 ISBN 3-89432-759-6
  15. Mauricio Anton, Angel Galobart, Alan Turner: Co-existence of scimitar-toothed cats, lions and hominins in the European Pleistocene. Implications of the post-cranial anatomy of Homotherium latidens (Owen) for comparative palaeoecology. Quaternary Science Reviews 24 (2005) 1287–1301.
  16. Joshua M. Plotnik, Frans B. M. de Waal, Diana Reiss: Self-recognition in an Asian elephant. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 2006, online vorab veröff., 10.1073/pnas.0608062103
  17. Wissenschaft.de: Selbsterkenntnis mit Rüssel – Elefanten erkennen ihr Spiegelbild
  18. newscientist.com: Elephants master basic mathematics
  19. Wissenschaft.de: Elefanten mit Sinn für Tote
  20. Kerstin Kullmann: Rache in Neon, Januar 2007
  21. Die Sprache der Elefanten (Forschungsprojekt unter der Leitung von Univ. Prof. Doz. Dr. Helmut Kratochvil; Tiergarten Schönbrunn) Die Sprache der Elefanten online
  22. Elefanten-Schutz Europa e.V.: Startseite, Zugriff am 2. Mai 2008.
  23. Elefanten-Schutz Europa e.V.: Unfallproblem – Unfälle mit Elefantenkühen, Zugriff am 2. Mai 2008.
  24. Jo-Ann Shelton: The Identification of Elephants with Enemies: Why Elephants were Abused in Ancient Rome
  25. Salvador Dali: Schwäne spiegeln Elefanten.
  26. Salvador Dali: Die Elephanten.
  27. Hypnerotomachia Poliphili: Holzschnitt mit erwähnter Statue.

Weblinks zu

 Commons: Elefanten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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Daimler AG

Dienstag, 18. August 2009
Daimler AG
UnternehmensformAktiengesellschaft
ISINDE0007100000
Gründung17. November 1998
(als DaimlerChrysler AG)
UnternehmenssitzStuttgart
Unternehmensleitung
Mitarbeiter

273.216 (Stand: 31. Dezember 2008)

Umsatz

95,873 Mrd. EUR (2008)

Produkte

Pkw, Nutzfahrzeuge und Finanzdienstleistungen

Website

www.daimler.com

Die Daimler AG ist ein deutscher Hersteller von PKW und Nutzfahrzeugen sowie Anbieter von Finanzdienstleistungen mit Firmenzentrale in Stuttgart und die erste richtige global notierte Aktiengesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die heutige Daimler AG wurde 1998 als DaimlerChrysler AG nach dem Zusammenschluss der Daimler-Benz AG mit der amerikanischen Chrysler Corporation gegründet. Die Umbenennung in Daimler AG erfolgte 2007 nach dem mehrheitlichen Verkauf von Chrysler. Die Anfänge der Daimler AG reichen bis in das Gründungsjahr 1883 der Benz & Cie. Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim zurück, die im Jahre 1926 mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft zur Daimler-Benz AG fusionierten.

DaimlerChrysler AG (1998–2007)

Logo der DaimlerChrysler AG

Erste Gespräche zwischen dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG, Jürgen Schrempp und dem damaligen CEO der Chrysler Corporation, Robert Eaton über eine Fusion beider Unternehmen fanden am 12. Januar 1998 in Detroit statt. Am 7. Mai wurde der Zusammenschluss durch die beiden Unternehmensführer in London bekanntgegeben. Dabei wurde betont, dass es sich um keine Übernahme des einen Unternehmens durch das andere handle, sondern um eine Fusion unter gleichen (merger of equals). Jürgen Schrempp betitelte den Zusammenschluss zur DaimlerChrysler AG als „Hochzeit im Himmel“.

Nachdem zunächst schon die EU-Kommission der Fusion zugestimmt hatte, wurde diese am 31. Juli 1998 auch durch die amerikanischen Wettbewerbsbehörden genehmigt. Am 18. September stimmten schließlich die Aktionäre auf den Hauptversammlungen beider Unternehmen der Fusion zu.[1] Die Fusion erfolgte durch einen Aktientausch in Aktien des neuen Unternehmens, der DaimlerChrysler AG. Daimler-Benz-Aktionäre erhielten pro Aktie 1,005 DaimlerChrysler-Aktien, eine Chrysler-Aktie wurde in 0,6235 DaimlerChrysler-Aktien getauscht.[2][3] Am 17. November 1998 nahm die DaimlerChrysler AG das operative Geschäft auf und die Aktien wurden erstmals an den Börsen gehandelt.

In der Führung des neuen Unternehmens sollten Daimler-Benz und Chrysler zu gleichen Teilen vertreten sein. So war zunächst der Vorstand paritätisch besetzt und sowohl Jürgen Schrempp als auch Robert Eaton agierten als Vorstandsvorsitzender. Die Sitzungen des Vorstands wurden wechselnd in Stuttgart und bei Chrysler in Auburn Hills abgehalten. Juristischer Sitz war aber von Anfang an Stuttgart, die DaimlerChrysler AG wurde als Aktiengesellschaft nach deutschem Recht gegründet.

Größte Unternehmen der Welt 2005 nach Umsatz

Nach zwei Jahren erklärte der Co-Vorsitzende Robert Eaton seinen Rücktritt, so dass Jürgen Schrempp zum alleinigen Vorstandsvorsitzenden wurde. Jürgen Schrempp hat sein Amt am 1. Januar 2006 an Dieter Zetsche weitergegeben. Nach und nach verschob sich auch das Stimmenverhältnis im Vorstand immer mehr zugunsten der deutschen Mitglieder.

Kurz nach seinem Amtsantritt zum 1. Januar 2006 kündigte der neue DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche einen weiteren Stellenabbau an. In der Konzernverwaltung wurden in den nächsten drei Jahren 6.000 Stellen abgebaut.

Zetsche wurde am 1. September 2005 zunächst Vorstand für die Marke Mercedes-Benz. Ursprünglich war 2004 Wolfgang Bernhard als Nachfolger von Jürgen Hubbert für den Chefposten bei Mercedes-Benz vorgesehen, wurde jedoch kurz vor Amtsantritt seines Vorstandsbereiches enthoben und wurde Markenchef von Volkswagen. Am 1. Oktober 2004 wurde Eckhard Cordes zum Markenchef von Mercedes-Benz berufen. Unter seiner Leitung wurde die Sanierung der mittlerweile angeschlagenen Marke Mercedes-Benz begonnen. Nachdem bekannt wurde, dass Zetsche in Nachfolge von Schrempp den Vorstandsvorsitz der DaimlerChrysler AG übernehmen würde, verließ nach kurzer Amtszeit am 31. August 2005 auch Cordes das Unternehmen und wurde Anfang 2006 Vorstandsvorsitzender der Franz Haniel & Cie. GmbH.

Im Zuge der Sanierung von Mercedes-Benz sollen in den Jahren 2005 bis 2008 ca. 14.000 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Dies soll mit Abfindungsangeboten, Vorruhestandsregelungen, Versetzungen und durch Fluktuation erreicht werden. Dabei soll der Beschäftigungspakt, der bis 2012 gültig ist, eingehalten werden.

Im Oktober 2005 wurde zusammen mit den Automobilherstellern Hyundai und Mitsubishi Motors das Joint-Venture Global Engine Manufacturing Alliance (GEMA) gegründet, das Motoren für die beteiligten Unternehmen herstellt.

Am 11. November 2005 wurden die verbliebenen 12,4 % der Anteile an der Mitsubishi Motors Corp. verkauft. Im September 2006 wurde mit Chery Automobile ein chinesischer Automobilhersteller als Kooperationspartner gefunden. Chrysler soll die von Chery in China produzierten kostengünstigen Kleinwagen unter der Marke Dodge in den USA verkaufen.

2006 wurde das neue Mercedes-Benz-Museum neben dem Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim eröffnet. Auf 16.500 m² Ausstellungsfläche sind 160 Fahrzeuge zu sehen. Im selben Jahr kündigte Konzernchef Zetsche zunächst den Umzug des Vorstands und von Teilen der Verwaltung ins Motorenwerk Stuttgart-Untertürkheim an, von wo aus das Vorgänger-Unternehmen Daimler-Benz bis 1990 geleitet wurde. Im Oktober 2006 kündigte das Unternehmen außerdem an, die bisherige Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen verkaufen zu wollen.[4]

Im März 2007 wurden erstmals Gerüchte laut, dass DaimlerChrysler den Verkauf der Chrysler Group in Erwägung ziehe. Seit der Fusion ist der Wert von Chrysler alleine um 35 Mrd. Euro gesunken[5], der von DaimlerChrysler bis zu Schrempps Rückzug Ende 2005 um 50 Mrd. Euro[6]. Die Kritik an der Fusion ist deshalb über die Jahre immer größer geworden. So konstatierte ein Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger in der Hauptversammlung 2007 gegenüber dem Management: „Sie alle haben in unverantwortlicher Weise versagt“ und erhielt dafür Beifall der fast 7.000 Teilnehmer.[7] Als Interessenten von Chrysler galten zunächst die Investmentgesellschaften Blackstone und Cerberus Capital Management sowie der kanadische Automobilzulieferer Magna International. Auch der amerikanische Multimilliardär Kirk Kerkorian, der schon 1995 22,3 Mrd. Dollar auf Chrysler bot, hat nun wieder Interesse gezeigt. Diesmal soll sich die Summe auf 4,5 Mrd. belaufen haben.

Am 14. Mai 2007 wurde schließlich der mehrheitliche Verkauf der Chrysler Group an Cerberus bekanntgeben. Eine Tochtergesellschaft von Cerberus übernahm daraufhin 80,1 % der Aktien an der neu geschaffenen Chrysler Holding LLC, Daimler behielt 19,9 % der Anteile.

Im Juni 2007 gab DaimlerChrysler bekannt, zukünftig mit Fiat zu kooperieren. Die Kooperation bezieht sich vor allem auf die Nutzfahrzeugmotoren. Wie beide Unternehmen mitteilten, soll zunächst Daimlers japanische Nutzfahrzeugtochter Mitsubishi Fuso mit Dieselmotoren für leichte Lastwagen beliefert werden. Fiat Powertrain Technologies (FPT) werde ab 2009 rund 80.000 Motoren pro Jahr für das Modell Canter liefern, der in Europa und Japan abgesetzt werden soll. In den nächsten Jahren soll der Lieferumfang weiter ansteigen.[8]

Daimler AG (ab 2007)

Die Trennung von Chrysler wurde Anfang August 2007 abgeschlossen.[9] Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 4. Oktober 2007 wurde schließlich die Umbenennung des Unternehmens in Daimler AG beschlossen. Seither operiert der Konzern in den Geschäftsfeldern Mercedes-Benz Cars, Daimler Trucks, Daimler Financial Services und dem Segment Vans, Buses, Other.

Der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche gab am 4. Oktober 2007 außerdem bekannt, dass der Konzern die Namensrechte am Namen „Daimler“ von der Ford Motor Company für 20 Millionen US-Dollar (rund 14 Millionen Euro) erworben hat.[10] Die Vereinbarung besagt, dass die Daimler AG den Namen lediglich als Handels- oder Firmenbezeichnung nutzen darf, dauerhaft seien keine Namensrechte übertragen worden.[11] Im Zuge der Umbenennung des Konzerns wurden auch die Produktionsstandorte und Vertriebsgesellschaften umbenannt, wobei sich deren Name aus den Markennamen der jeweiligen Produkte ergibt, beispielsweise Mercedes-Benz[12].

Übernahme anderer Unternehmen

Im Lauf der Jahrzehnte beteiligte sich das Unternehmen (teilweise begleitet durch Umfirmierungen – von Daimler-Benz zu DaimlerChrysler zu Daimler) an zahlreichen Unternehmen, übernahm diese ganz oder hatte zumindest großen Einfluss. Die größeren davon waren:

Zeitleiste der Daimler-Automobilmarken von 1886 bis heute
KonzernDaimler-BenzDaimler ChryslerDaimler
MarkeGruppe18801890190010er20er30er40er50er60er70er80er90er2000
Mercedes-BenzDaimler-
Benz
MercedesMercedes-Benz
Benz
UnimogUnimogMercedes-Benz
Auto-UnionDKWAudi
Hanomag-HenschelHanomagHHMercedes- Benz
Henschel
FreightlinerConsolodated FrightwaysWhite FrightlinerFrightliner
SetraKässbohrerKässbohrer SetraSetra
SterlingSterlingSterling-WhiteSterling
ThomasPerleyThomas
Maybach
Western StarWhite Western StarWestern Star
Orion
smart
Fuso
ChryslerChryslerMaxwellChrysler
Dodge
Plymouth
AMC/EagleJeffery / HudsonAMCEagle
Willys/JeepWillysJeep
GEM

██ Automobilmarke einer eigenständigen Firma vor Übernahme durch Daimler, Chrysler, DaimlerChrysler, ggf. vorher schon in anderen Bereichen tätig
██ Automobilmarke einer Firma, die mehrheitlich zu Daimler gehört, oder zu Chrysler bevor Gründung von DaimlerChrysler
██ Automobilmarke von Daimler-Benz, DaimlerChrylser oder Daimler
██ Automobilmarke verkauft

Konzernstruktur

Aktiengesellschaft

Vorstandsvorsitzender der Daimler AG ist seit dem 1. Januar 2006 Dieter Zetsche, Aufsichtsratsvorsitzender ist seit dem 4. April 2007 Manfred Bischoff. Die Aktien des Unternehmens (WKN 710000, ISIN DE0007100000) werden von der Deutschen Börse unter dem Kürzel DAI notiert und sind Bestandteil des DAX an der Frankfurter Wertpapierbörse.

Seit 1974 ist das Emirat Kuwait mit der Kuwait Investment Authority Großaktionär von Daimler und hält aktuell einen Anteil von 6,9 % am Grundkapital. Seit dem 22. März 2009 ist mit der Aabar Investments PJSC (Aabar), Vereinigte Arabische Emirate, kontrolliert durch die staatseigene International Petroleum Investment Company (IPIC) ein weiterer Großaktionär mit einem Anteil von 9,1 % hinzugekommen.[13]

AnteilAnteilseigner
9,1 %Aabar Investments PJSC, Abu Dhabi
6,9 %Kuwait Investment Authority, Kuwait
4,9 %Deutsche Bank, Deutschland
3,5 %Daimler, Deutschland
75,6 %Streubesitz, darunter überwiegend Institutionelle Anleger

Stand: 22. März 2009 [14]

Bestellter Abschlussprüfer der Daimler AG ist die KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft AG.

Vorsitzende des Vorstands

Vorsitzende des Aufsichtsrats

Produktionsstätten

Produktionsstandorte der Daimler AG außerhalb Deutschlands

Daimler unterhält Produktionsstätten in folgenden Ländern: Deutschland, USA, Kanada, Mexiko, Frankreich, Spanien, Türkei, VR China, Indien, Indonesien, Argentinien, Brasilien, Südafrika (Mercedes-Benz South Africa), Japan, Vietnam. Darüber hinaus ist Daimler in weiteren Märkten durch Beteiligungen an weiteren Produktionsstätten beteiligt.

Daimler plante für 2006 den Bau der ersten Produktionsstätte in Russland. In Sankt Petersburg sollten C- und E-Klasse-Modelle und auch Chrysler-Modelle produziert werden. Die Entscheidung wurde aufgrund steuerlicher Nachteile durch die unterschiedlichen Zölle für Teil- und Komplettmontage vorerst vertagt. Die Gespräche mit der russischen Regierung werden indes fortgesetzt.

Werke unter Leitung der Mercedes-Benz Cars (inklusive Van Division)

Für Details siehe Mercedes-Benz Cars

Werke unter Leitung von Daimler Trucks (inklusive Bus Division)

Für Details siehe Daimler Trucks

Daimler Trucks Europe – Latin America

  • Werk Wörth: Actros, Atego, Axor, Econic, Unimog, Zetros
  • Werk Aksaray (Türkei): Axor, Atego und Unimog
  • Werk Mannheim: Nutzfahrzeug- und Industriemotoren, Gießerei
  • Werk Kassel: Achsen, Trailerachsen und Gelenkwellen, Komponenten
  • Werk Gaggenau und Werkteil Gaggenau in Rastatt: Getriebe, Achsen und Komponenten
  • Werk Kuppenheim (Baubeginn 2009): Karosserieteile für LKW und PKW [16]
  • Werk São Bernardo do Campo: Axor, Atego, Accelo und weitere lokale LKW-Baureihen, Motoren, Getriebe, Achsen
  • EvoBus-Werk Ulm/Neu-Ulm: Setra- und Mercedes-Benz Busse
  • EvoBus-Werk Mannheim: Mercedes-Benz Stadtbusse und Überlandbusse Niederflur, Rohkarossen Setra-Reisebuse
  • EvoBus-Werk Dortmund: Mercedes-Benz Minibusse (ehemalige Karl Koch GmbH)
  • EvoBus-Werk Holýšov/Tschechische Republik: Rohbauteile
  • EvoBus-Werk Ligny/Frankreich: Mercedes-Benz Stadtbusse
  • EvoBus-Werk Samano/Spanien: Fahrgestelle für Aufbauhersteller

Daimler Trucks North America

  • Cleveland Truck Manufacturing Plant, Cleveland (North Carolina), USA: Class 8 LKW
  • Gastonia Parts Manufacturing Plant, Gastonia (North Carolina), USA: Fahrerhäuser, Fahrgestelle, Komponenten
  • Thomas Built Buses Manufacturing Plant, High Point, (North Carolina), USA: Busse
  • Mount Holly Truck Manufacturing Plant (North Carolina), USA: Mittelschwere LKW
  • Portland Truck Manufacturing Plant, Portland (Oregon), USA: LKW der Marke Western Star – 4900 EX, 4900 SA, 4900 FA and 6900 XD; LKW der Marke Freightliner: Century Class S/T, Columbia, und Coronado; schwere Militärfahrzeuge.
  • Freightliner Custom Chassis Corporation Manufacturing Plant, Gafney (South Carolina), USA: Fahrgestelle für Sonderfahrzeuge
  • St. Thomas Truck Manufacturing Plant, St. Thomas (Ontario), Kanada: LKW der Marke Sterling
  • Santiago Tianguistenco, Edo de Mexico (Mexiko), Truck Manufacturing Plant: LKW der Marke Freightliner

Trucks Asia

  • Mitsubishi Fuso Truck & Bus, Kawasaki Plant (Kanagawa/Japan): LKW der Marke Fuso, Motoren, Komponenten
  • Mitsubishi Fuso Truck & Bus, Oye Bus Plant (Aichi/Japan): Busse
  • Mitsubishi Fuso Truck & Bus, Nakatsu Plant (Kanagawa/Japan): Getriebe
  • Mitsubishi Fuso Bus Manufacturing, Fuchu (Toyama/Japan): Busse
  • Mitsubishi Fuso Europe, Tramagal (Portugal): Canter

Geschäftstätigkeit

Der Konzern stellt Kraftfahrzeuge her und verkauft sie über Vertragshändler und Niederlassungen weltweit an die Endabnehmer. Zusätzlich dazu werden Finanzierungsmöglichkeiten angeboten.

Das größte Geschäftsfeld stellt die Produktion von Pkw der Oberklasse dar: Damit machte die Unternehmensgruppe 2007 52,4 Mrd. Euro Umsatz. Von der Pkw-Produktion wurde über ein Viertel in Deutschland abgesetzt, weit über die Hälfte in Westeuropa. Ungefähr ein Fünftel wurde in den USA verkauft. Im Ostasiatischen Raum wurde über ein Zehntel der Produktion ausgeliefert.[17]

Mit schweren Lastwagen wurde ein Umsatz von 28,5 Mrd. Euro gemacht. Weniger als 10 % der Produktion wurde in Deutschland abgesetzt. Ein Fünftel in Westeuropa. Rund ein Viertel ging hauptsächlich in die USA aber auch in die angrenzenden Staaten Kanada und Mexiko. Über ein Viertel der Lastwagenproduktion wurde in Asien verkauft.[18]

Mit der Herstellung von Transportern machte der Konzern 9,3 Mrd. Euro Umsatz, mit der von Bussen 4,4 Mrd. Euro. [19]

Das Geschäftsfeld Daimler Financial Services erbrachte Umsatzleistungen von 8,7 Mrd. Das Geschäftsfeld umfasst nicht nur die Vermittlung von Finanzierungen und Leasingleistungen für die Anschaffung von Kraftfahrzeugen, sondern auch den Verkauf von Versicherungsleistungen. An der Erhebung von Mautgebühren über das System Toll-Collect ist Daimler Financial Services beteiligt.[20]

2008 fielen die Aktien des Konzernes um 59,7 %.[21]

Produkte und Marken

Die Daimler AG entwickelt, produziert und vertreibt unter folgenden Marken:

Mercedes-Benz Cars

Die Kernmarke Mercedes-Benz Cars vertreibt Personenkraftwagen. Die Produktpalette erstreckt sich von Kleinwagen bis zu Premiumautos. Dieses Segment folgende Marken:

Daimler Trucks

Die Sparte Daimler Trucks ist die LKW- und Komponenten- Herstellersparte von Daimler. Vorsitzender dieser Sparte ist Andreas Renschler.[22]

Trucks Europe & Latin America

Daimler Trucks North America LLC

Trucks Asia

Components

Vans, Busse und andere

Das Segment Buses und Other enthält im Wesentlichen Mercedes-Benz Vans, Daimler Busse, die Beteiligungen des Daimler Konzerns, sowie die Immobilientätigkeiten.[23]

Mercedes-Benz Vans (Kleintransporter und Kleinbusse):[24]

Der Sprinter wird in Nordamerika unter den Marken Dodge und Freightliner verkauft. Das Vorgängermodell Sprinter T1N wird in Argentinien weiter gebaut.

Daimler Buses (Omnibusse):

Engineering- und Consulting

  • MBtech Group: Entwicklung und Erprobung von Komponenten und Systemen sowie Unternehmensberatung, weltweit

Finanzdienstleistungen

Beteiligungen und Kooperationen

  • 49,9 % an der Li-Tec Vermögensverwaltung GmbH, Kamenz (50,1 % hält die Evonik Industries). Geplant ist ein Joint Venture mit Evonik zur Herstellung moderner Batteriezellen und Batteriesystemen.
    Im Dezember 2008 gründete Daimler zusammen mit Evonik Industries eine strategische Allianz um die Entwicklung und Fertigung von Lithium-Ionen Batterien in Deutschland weiter voranzutreiben. [27] Daimler stieg deshalb in die zur Evonik Industries gehörende Li-Tec Vermögensverwaltung GmbH mit 49,9 % ein. Für die Zukunft streben die Konzerne eine Beteiligung eines dritten Gesellschafters an: Dieser soll die Systemintegration von Elektrik und Elektronik verwirklichen. Die neuen Li-Tec Zellen werden zunächst in die Elektrofahrzeuge von Daimler verbaut. Später ist dann die Gründung eines Joint-Venture vorgesehen. Ein wichtiger Meilenstein zur Serienproduktion von Elektroautos wurde somit erreicht. Daimler Chef Zetsche sagte: „Mit der Beteiligung an Li-Tec und der Gründung des Batterie Joint-Ventures bauen wir unsere Führungsposition auf dem Gebiet der alternativen Antriebe aus.“

Kritik

Berichten zufolge war die Daimler-Benz AG maßgeblich an der Rüstung im Dritten Reich beteiligt; die mangelnde Aufklärung und späte, relativ geringe Auszahlung einer Entschädigung sorgte für Kritik.[28]

Auch über das Verhalten in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde berichtet. Angeblich veranlasste die Mercedes Benz AG, dass in die 1951 gegründete Fabrik Mercedes Benz Argentina ehemalige Nazi-Größen, die nach Südamerika ausgewandert waren, eingestellt wurden.[29]

In jüngerer Zeit spielten die „Kritischen AktionärInnen Daimler“ (KAD) (ehemals „Kritische Aktionäre Daimler Benz“ bzw. „… DaimlerChrysler“) eine entscheidende Rolle bei der Kritik am Daimler-Konzern.

Hauptkritikpunkte sind Verfehlungen bei der Übernahme / Fusion von Chrysler und der erfolgten Trennung, der angeblich fehlende Wille zu Umwelt- und Klimaschutz, fehlende soziale Verantwortung, sowie Verflechtungen in Rüstungsgeschäfte – Motto: „Entrüstet Daimler“.

So wurde regelmäßig und wird weiterhin die Beteiligung an dem Rüstungshersteller EADS mit 22,50 %[30] kritisiert, da EADS weiterhin Trägersysteme für Streubomben und Technologie für Atombomben herstellt.[31]

Um die Geschäftsführung unter Druck zu setzen, versuchten die KAD die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu lenken – vor der Hauptversammlung gibt es häufig Interviews im Radio etc. Die KAD wirbt darüber hinaus für die Übernahme der Stimmrechte einzelner Aktionäre. Angestrebt wird jeweils eine Nichtentlastung der Geschäftsführung.

Weiter wurde in Kooperation mit der „Deutschen Friedensgesellschaft“ die Aktion „Wir kaufen keinen Mercedes“ ins Leben gerufen. [32]

Die Daimler AG gehört zu den größten Parteispendern in Deutschland und hat seit 2000 bereits mehr als 3,5 Millionen Euro an die Bundestagsparteien gespendet[33].

Literatur

  • Peter Grohmann, Horst Sackstetter: Plakat: 10 Jahre Betriebsarbeit bei Daimler-Benz. Rotbuch-Verlag, Hamburg 1982, ISBN 3-88022-213-4.
  • Max Kruk, Gerold Lingnau: Hundert Jahre Daimler Benz. v. Hase und Koehler, Mainz 1986, ISBN 3-7758-1117-6.
  • Angelina Sörgel: Daimler-Benz – der Multi im Musterländle. PIW, Bremen 1986, ISBN 3-925139-06-0.
  • Klaus Heidel: Kein guter Stern für die Schwarzen: die Geschäfte von Daimler-Benz im Land der Apartheid. Christen für Arbeit u. Gerechtigkeit Weltweit, Heidelberg 1987, ISBN 3-925910-01-8.
  • Karl Heinz Roth: Die Daimler-Benz-AG 1916–1948: Schlüsseldokumente zur Konzerngeschichte. Greno, Nördlingen 1987, ISBN 3-89190-955-1.
  • Sebastian Bamberg: „… und morgen die ganze Welt“: Daimler-Benz – ein Rüstungskonzern auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Pax Christi, Bad Vilbel 1990, ISBN 3-928082-11-6.
  • Jürgen Grässlin: Jürgen E. Schrempp. Der Herr der Sterne. Droemer, München 1998, ISBN 3-426-27075-7.
  • Jürgen Grässlin: Daimler-Benz. Der Konzern und seine Republik. Droemer Knaur, München 2002, ISBN 3-426-80064-0.
  • Gaby Weber: Daimler-Benz und die Argentinien-Connection: von Rattenlinien und Nazigeldern. Assoz. A, Berlin 2004, ISBN 3-935936-33-8.
  • Jürgen Grässlin: Das Daimler-Desaster: vom Vorzeigekonzern zum Sanierungsfall?. Droemer, München 2005, ISBN 3-426-27267-9.
  • Jürgen Grässlin: Abgewirtschaftet?! Das Daimler-Desaster geht weiter. Knaur, München 2007, ISBN 978-3-426-77977-4.

Siehe auch

Weblinks zu

 Commons: Daimler-Benz AG – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: DaimlerChrysler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Daimler AG – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Stuttgarter Zeitung: Fünf Jahre DaimlerChrysler AG, 29. April 2003
  2. Fragen und Antworten für alle DaimlerChrysler-Aktionäre. DaimlerChrysler AG. Archiviert vom Original am 3. Januar 2007. Abgerufen am 21. Mai 2009.
  3. Daimler/Chrysler – Letzte Hürde genommen. Manager Magazin online (12. November 1998). Abgerufen am 21. Mai 2009.
  4. handelsblatt.com: Daimler-Chrysler verkauft seine Zentrale, 27. Oktober 2006
  5. Spiegel online: Zetsche zerschlägt die Welt AG, 14. Mai 2007
  6. Spiegel online: Der Verheerer von Möhringen, 28. Juli 2005
  7. Spiegel online: „Sie alle haben in unverantwortlicher Weise versagt“, 4. April 2007
  8. FinanzNachrichten.de: DaimlerChrysler und Fiat: Zusammenarbeit bei Nutzfahrzeug-Motoren, 19. Juni 2007
  9. DaimlerChrysler AG: DaimlerChrysler schließt Transaktion zur Mehrheitsabgabe von Chrysler an Cerberus ab. Pressemitteilung, 3. August 2007
  10. boerse.ard.de: Tschüss, Chrysler, 4. Oktober 2007
  11. Spiegel online: Gezerre um Gottlieb, 24. August 2007
  12. Daimler AG: Außerordentliche DaimlerChrysler-Hauptversammlung billigt Umbenennung in Daimler AG 4. Oktober 2007
  13. vgl. Abu Dhabi steigt bei Daimler ein bei Spiegel Online, 22. März 2009
  14. Spiegel Online: [1]
  15. DaimlerChrysler AG: Mercedes-Benz eröffnet neues Produktionswerk in Pune, Indien, abgerufen am 5. März 2009
  16. Nachrichten SWR:[2]
  17. Daimler AG: Geschäftsbericht Daimler AG
  18. Geschäftsbericht Daimler AG
  19. Daimler AG:Geschäftsbericht Daimler AG
  20. Daimler AG: Geschäftsbericht Daimler AG
  21. FTD.de:DAIMLER AG NAMENS-AKTIEN O.N.
  22. Vgl. Daimler AG (Hrsg.): „Daimler Trucks im Überblick. Ausgabe 2008.“, Stuttgart 2008, S. 1
  23. Daimler AG (Hrsg.): „Geschäftsbericht 2007“, Stuttgart 2008, S. 16
  24. [3]
  25. Daimler reicht Tesla-Beteiligung teilweise weiter
  26. Daimler Nachhaltigkeitsbericht 2008 (PDF, englisch)
  27. Daimler AG: Evonik und Daimler gründen strategische Allianz zur Entwicklung und Fertigung von Lithium-Ionen Batterien, 15.Dezember 2008
  28. Heinrich Frei: Daimler als Rüstungsproduzent. In: Berliner Zeitung, 16.April 2007
  29. Gaby Weber: Daimler-Benz und die Argentinien-Connection: von Rattenlinien und Nazigeldern. Assoz. A, Berlin 2004, ISBN 3-935936-33-8
  30. http://www.eads.com/1024/de/investor/Stock_information/Shareholding_structure.html
  31. http://kritische-aktionaere.de/51.html
  32. Wir kaufen keinen Mercedes
  33. [4]
© Diese Definition / dieser Artikel zu Daimler_AG stammt von Wikipedia und ist lizensiert unter GFDL. Hier können Sie den Original-Artikel zu Daimler_AG , die Versionsgeschichte und die Liste der Autoren einsehen.
Weitere Informationen zu Daimler AG und weitere Artikel zu Daimler AG finden Sie hier: » Daimler AG

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